Gedichte Leben


Gedichte - Leben

Sammlung an Gedichten mit Bezug zum Thema: Leben für Leserunden und Gedächtniseinheiten.

 

Das Lied von der Glocke

Fest gemauert in der Erden
Steht die Form, aus Lehm gebrannt.
Heute muß die Glocke werden.
Frisch Gesellen, seid zur Hand.
Von der Stirne heiß
Rinnen muß der Schweiß,
Soll das Werk den Meister loben,
Doch der Segen kommt von oben.

Zum Werke, das wir ernst bereiten,
Geziemt sich wohl ein ernstes Wort;
Wenn gute Reden sie begleiten,
Dann fließt die Arbeit munter fort.
So laßt uns jetzt mit Fleiß betrachten,
Was durch die schwache Kraft entspringt,
Den schlechten Mann muß man verachten,
Der nie bedacht, was er vollbringt.
Das ist's ja, was den Menschen zieret,
Und dazu ward ihm der Verstand,
Daß er im innern Herzen spüret,
Was er erschafft mit seiner Hand.

Nehmet Holz vom Fichtenstamme,
Doch recht trocken laßt es sein,
Daß die eingepreßte Flamme
Schlage zu dem Schwalch hinein.
Kocht des Kupfers Brei,
Schnell das Zinn herbei,
Daß die zähe Glockenspeise
Fließe nach der rechten Weise.

Was in des Dammes tiefer Grube
Die Hand mit Feuers Hülfe baut,
Hoch auf des Turmes Glockenstube
Da wird es von uns zeugen laut.
Noch dauern wird's in späten Tagen
Und rühren vieler Menschen Ohr
Und wird mit dem Betrübten klagen
Und stimmen zu der Andacht Chor.
Was unten tief dem Erdensohne
Das wechselnde Verhängnis bringt,
Das schlägt an die metallne Krone,
Die es erbaulich weiterklingt.

Weiße Blasen seh ich springen,
Wohl! Die Massen sind im Fluß.
Laßt's mit Aschensalz durchdringen,
Das befördert schnell den Guß.
Auch von Schaume rein
Muß die Mischung sein,
Daß vom reinlichen Metalle
Rein und voll die Stimme schalle.

Denn mit der Freude Feierklange
Begrüßt sie das geliebte Kind
Auf seines Lebens erstem Gange,
Den es in Schlafes Arm beginnt;
Ihm ruhen noch im Zeitenschoße
Die schwarzen und die heitern Lose,
Der Mutterliebe zarte Sorgen
Bewachen seinen goldnen Morgen.-
Die Jahre fliehen pfeilgeschwind.
Vom Mädchen reißt sich stolz der Knabe,
Er stürmt ins Leben wild hinaus,
Durchmißt die Welt am Wanderstabe.
Fremd kehrt er heim ins Vaterhaus,
Und herrlich, in der Jugend Prangen,
Wie ein Gebild aus Himmelshöhn,
Mit züchtigen, verschämten Wangen
Sieht er die Jungfrau vor sich stehn.
Da faßt ein namenloses Sehnen
Des Jünglings Herz, er irrt allein,
Aus seinen Augen brechen Tränen,
Er flieht der Brüder wilder Reihn.
Errötend folgt er ihren Spuren
Und ist von ihrem Gruß beglückt,
Das Schönste sucht er auf den Fluren,
Womit er seine Liebe schmückt.
O! zarte Sehnsucht, süßes Hoffen,
Der ersten Liebe goldne Zeit,
Das Auge sieht den Himmel offen,
Es schwelgt das Herz in Seligkeit.
O! daß sie ewig grünen bliebe,
Die schöne Zeit der jungen Liebe!

Wie sich schon die Pfeifen bräunen!
Dieses Stäbchen tauch ich ein,
Sehn wir's überglast erscheinen,
Wird's zum Gusse zeitig sein.
Jetzt, Gesellen, frisch!
Prüft mir das Gemisch,
Ob das Spröde mit dem Weichen
Sich vereint zum guten Zeichen.

Denn wo das Strenge mit dem Zarten,
Wo Starkes sich und Mildes paarten,
Da gibt es einen guten Klang.
Drum prüfe, wer sich ewig bindet,
Ob sich das Herz zum Herzen findet!
Der Wahn ist kurz, die Reu ist lang.
Lieblich in der Bräute Locken
Spielt der jugfräuliche Kranz,
Wenn die hellen Kirchenglocken
Laden zu des Festes Glanz.
Ach! des Lebens schönste Feier
Endigt auch den Lebensmai,
Mit dem Gürtel, mit dem Schleier
Reißt der schöne Wahn entzwei.
Die Leidenschaft flieht!
Die Liebe muß bleiben,
Die Blume verblüht,
Die Frucht muß treiben.
Der Mann muß hinaus
Ins feindliche Leben,
Muß wirken und streben
Und pflanzen und schaffen,
Erlisten, erraffen,
Muß wetten und wagen,
Das Glück zu erjagen.
Da strömet herbei die unendliche Gabe,
Es füllt sich der Speicher mit köstlicher Habe,
Die Räume wachsen, es dehnt sich das Haus.
Und drinnen waltet
Die züchtige Hausfrau,
Die Mutter der Kinder,
Und herrschet weise
Im häuslichen Kreise,
Und lehret die Mädchen
Und wehret den Knaben,
Und reget ohn Ende
Die fleißigen Hände,
Und mehrt den Gewinn
Mit ordnendem Sinn.
Und füllet mit Schätzen die duftenden Laden,
Und dreht um die schnurrende Spindel den Faden,
Und sammelt im reinlich geglätteten Schrein
Die schimmernde Wolle, den schneeigten Lein,
Und füget zum Guten den Glanz und den Schimmer,
Und ruhet nimmer.

Und der Vater mit frohem Blick
Von des Hauses weitschauendem Giebel
Überzählet sein blühendes Glück,
Siehet der Pfosten ragende Bäume
Und der Scheunen gefüllte Räume
Und die Speicher, vom Segen gebogen,
Und des Kornes bewegte Wogen,
Rühmt sich mit stolzem Mund:
Fest, wie der Erde Grund,
Gegen des Unglücks Macht
Steht mit des Hauses Pracht!
Doch mit des Geschickes Mächten
Ist kein ewger Bund zu flechten,
Und das Unglück schreitet schnell.

Wohl! nun kann der Guß beginnen,
Schön gezacket ist der Bruch.
Doch bevor wir's lassen rinnen,
Betet einen frommen Spruch!
Stoßt den Zapfen aus!
Gott bewahr das Haus!
Rauchend in des Henkels Bogen
Schießt's mit feuerbraunen Wogen.

Wohtätig ist des Feuers Macht,
Wenn sie der Mensch bezähmt, bewacht,
Und was er bildet, was er schafft,
Das dankt er dieser Himmelskraft,
Doch furchtbar wird die Himmelskraft,
Wenn sie der Fessel sich entrafft,
Einhertritt auf der eignen Spur
Die freie Tochter der Natur.
Wehe, wenn sie losgelassen
Wachsend ohne Widerstand
Durch die volkbelebten Gassen
Wälzt den ungeheuren Brand!
Denn die Elemente hassen
Das Gebild der Menschenhand.
Aus der Wolke
Quillt der Segen,
Strömt der Regen,
Aus der Wolke, ohne Wahl,
Zuckt der Strahl!
Hört ihr's wimmern hoch vom Turm?
Das ist Sturm!
Rot wie Blut
Ist der Himmel,
Das ist nicht des Tages Glut!
Welch Getümmel
Straßen auf!
Dampf wallt auf!
Flackernd steigt die Feuersäule,
Durch der Straße lange Zeile
Wächst es fort mit Windeseile,
Kochend wie aus Ofens Rachen
Glühn die Lüfte, Balken krachen,
Pfosten stürzen, Fenster klirren,
Kinder jammern, Mütter irren,
Tiere wimmern
Unter Trümmern,
Alles rennet, rettet, flüchtet,
Taghell ist die Nacht gelichtet,
Durch der Hände lange Kette
Um die Wette
Fliegt der Eimer, hoch im Bogen
Sprützen Quellen, Wasserwogen.
Heulend kommt der Sturm geflogen,
Der die Flamme brausend sucht.
Prasselnd in die dürre Frucht
Fällt sie in des Speichers Räume,
In der Sparren dürre Bäume,
Und als wollte sie im Wehen
Mit sich fort der Erde Wucht
Reißen, in gewaltger Flucht,
Wächst sie in des Himmels Höhen
Riesengroß!
Hoffnungslos
Weicht der Mensch der Götterstärke,
Müßig sieht er seine Werke
Und bewundernd untergehn.

Leergebrannt
Ist die Stätte,
Wilder Stürme rauhes Bette,
In den öden Fensterhöhlen
Wohnt das Grauen,
Und des Himmels Wolken schauen
Hoch hinein.

Einen Blick
Nach den Grabe
Seiner Habe
Sendet noch der Mensch zurück -
Greift fröhlich dann zum Wanderstabe.
Was Feuers Wut ihm auch geraubt,
Ein süßer Trost ist ihm geblieben,
Er zählt die Haupter seiner Lieben,
Und sieh! ihm fehlt kein teures Haupt.

In die Erd ist's aufgenommen,
Glücklich ist die Form gefüllt,
Wird's auch schön zutage kommen,
Daß es Fleiß und Kunst vergilt?
Wenn der Guß mißlang?
Wenn die Form zersprang?
Ach! vielleicht indem wir hoffen,
Hat uns Unheil schon getroffen.


Dem dunkeln Schoß der heilgen Erde
Vertrauen wir der Hände Tat,
Vertraut der Sämann seine Saat
Und hofft, daß sie entkeimen werde
Zum Segen, nach des Himmels Rat.
Noch köstlicheren Samen bergen
Wir trauernd in der Erde Schoß
Und hoffen, daß er aus den Särgen
Erblühen soll zu schönerm Los.

Von dem Dome,
Schwer und bang,
Tönt die Glocke
Grabgesang.
Ernst begleiten ihre Trauerschläge
Einen Wandrer auf dem letzten Wege.

Ach! die Gattin ist's, die teure,
Ach! es ist die treue Mutter,
Die der schwarze Fürst der Schatten
Wegführt aus dem Arm des Gatten,
Aus der zarten Kinder Schar,
Die sie blühend ihm gebar,
Die sie an der treuen Brust
Wachsen sah mit Mutterlust -
Ach! des Hauses zarte bande
Sind gelöst auf immerdar,
Denn sie wohnt im Schattenlande,
Die des Hauses Mutter war,
Denn es fehlt ihr treues Walten,
Ihre Sorge wacht nicht mehr,
An verwaister Stätte schalten
Wird die Fremde, liebeleer.

Bis die Glocke sich verkühlet,
Laßt die strenge Arbeit ruhn,
Wie im Laub der Vogel spielet,
Mag sich jeder gütlich tun.
Winkt der Sterne Licht,
Ledig aller Pflicht
Hört der Pursch die Vesper schlagen,
Meister muß sich immer plagen.

Munter fördert seine Schritte
Fern im wilden Forst der Wandrer
Nach der lieben Heimathütte.
Blökend ziehen
Heim die Schafe,
Und der Rinder
Breitgestirnte, glatte Scharen
Kommen brüllend,
Die gewohnten Ställe füllend.
Schwer herein
Schwankt der Wagen,
Kornbeladen,
Bunt von Farben
Auf den Garben
Liegt der Kranz,
Und das junge Volk der Schnitter
Fliegt zum Tanz.
Markt und Straße werden stiller,
Um des Lichts gesellge Flamme
Sammeln sich die Hausbewohner,
Und das Stadttor schließt sich knarrend.
Schwarz bedecket
Sich die Erde,
Doch den sichern Bürger schrecket
Nicht die Nacht,
Die den Bösen gräßlich wecket,
Denn das Auge des Gesetzes wacht.

Heilge Ordnung, segenreiche
Himmelstochter, die das Gleiche
Frei und leicht und freudig bindet,
Die der Städte Bau begründet,
Die herein von den Gefilden
Rief den ungesellgen Wilden,
Eintrat in der Menschen Hütten,
Sie gewöhnt zu sanften Sitten
Und das teuerste der Bande
Wob, den Trieb zum Vaterlande!

Tausend fleißge Hände regen,
helfen sich in munterm Bund,
Und in feurigem Bewegen
Werden alle Kräfte kund.
Meister rührt sich und Geselle
In der Freiheit heilgem Schutz.
Jeder freut sich seiner Stelle,
Bietet dem Verächter Trutz.
Arbeit ist des Bürgers Zierde,
Segen ist der Mühe Preis,
Ehrt den König seine Würde,
Ehret uns der Hände Fleiß.

Holder Friede,
Süße Eintracht,
Weilet, weilet
Freundlich über dieser Stadt!
Möge nie der Tag erscheinen,
Wo des rauhen Krieges Horden
Dieses stille Tal durchtoben,
Wo der Himmel,
Den des Abends sanfte Röte
Lieblich malt,
Von der Dörfer, von der Städte
Wildem Brande schrecklich strahlt!

Nun zerbrecht mir das Gebäude,
Seine Absicht hat's erfüllt,
Daß sich Herz und Auge weide
An dem wohlgelungnen Bild.
Schwingt den Hammer, schwingt,
Bis der Mantel springt,
Wenn die Glock soll auferstehen,
Muß die Form in Stücke gehen.

Der Meister kann die Form zerbrechen
Mit weiser Hand, zur rechten Zeit,
Doch wehe, wenn in Flammenbächen
Das glühnde Erz sich selbst befreit!
Blindwütend mit des Donners Krachen
Zersprengt es das geborstne Haus,
Und wie aus offnem Höllenrachen
Speit es Verderben zündend aus;
Wo rohe Kräfte sinnlos walten,
Da kann sich kein Gebild gestalten,
Wenn sich die Völker selbst befrein,
Da kann die Wohlfahrt nicht gedeihn.

Weh, wenn sich in dem Schoß der Städte
Der Feuerzunder still gehäuft,
Das Volk, zerreißend seine Kette,
Zur Eigenhilfe schrecklich greift!
Da zerret an der Glocken Strängen
Der Aufruhr, daß sie heulend schallt
Und, nur geweiht zu Friedensklängen,
Die Losung anstimmt zur Gewalt.

Freiheit und Gleichheit! hört man schallen,
Der ruhge Bürger greift zur Wehr,
Die Straßen füllen sich, die Hallen,
Und Würgerbanden ziehn umher,
Das werden Weiber zu Hyänen
Und treiben mit Entsetzen Scherz,
Noch zuckend, mit des Panthers Zähnen,
Zerreißen sie des Feindes Herz.
Nichts Heiliges ist mehr, es lösen
Sich alle Bande frommer Scheu,
Der Gute räumt den Platz dem Bösen,
Und alle Laster walten frei.
Gefährlich ist's, den Leu zu wecken,
Verderblich ist des Tigers Zahn,
Jedoch der schrecklichste der Schrecken,
Das ist der Mensch in seinem Wahn.
Weh denen, die dem Ewigblinden
Des Lichtes Himmelsfackel leihn!
Sie strahlt ihm nicht, sie kann nur zünden
Und äschert Städt und Länder ein.

Freude hat mir Gott gegeben!
Sehet! Wie ein goldner Stern
Aus der Hülse, blank und eben,
Schält sich der metallne Kern.
Von dem Helm zum Kranz
Spielt's wie Sonnenglanz,
Auch des Wappens nette Schilder
Loben den erfahrnen Bilder.

Herein! herein!
Gesellen alle, schließt den Reihen,
Daß wir die Glocke taufend weihen,
Concordia soll ihr Name sein,
Zur Eintracht, zu herzinnigem Vereine
Versammle sich die liebende Gemeine.

Und dies sei fortan ihr Beruf,
Wozu der Meister sie erschuf!
Hoch überm niedern Erdenleben
Soll sie im blauen Himmelszelt
Die Nachbarin des Donners schweben
Und grenzen an die Sternenwelt,
Soll eine Stimme sein von oben,
Wie der Gestirne helle Schar,
Die ihren Schöpfer wandelnd loben
Und führen das bekränzte Jahr.
Nur ewigen und ernsten Dingen
Sei ihr metallner Mund geweiht,
Und stündlich mit den schnellen Schwingen
Berühr im Fluge sie die Zeit,
Dem Schicksal leihe sie die Zunge,
Selbst herzlos, ohne Mitgefühl,
Begleite sie mit ihrem Schwunge
Des Lebens wechselvolles Spiel.
Und wie der Klang im Ohr vergehet,
Der mächtig tönend ihr erschallt,
So lehre sie, daß nichts bestehet,
Daß alles Irdische verhallt.

Jetzo mit der Kraft des Stranges
Wiegt die Glock mir aus der Gruft,
Daß sie in das Reich des Klanges
Steige, in die Himmelsluft.
Zehet, ziehet, hebt!
Sie bewegt sich, schwebt,
Freude dieser Stadt bedeute,
Friede sei ihr erst Geläute.

Johann Christoph Friedrich von Schiller

 

 

 

Wer nie sein Brot mit Tränen aß,
Wer nie die kummervollen Nächte
Auf seinem Bette weinend saß,
Der kennt euch nicht, ihr himmlischen Mächte.

Ihr führt ins Leben uns hinein,
Ihr laßt den Armen schuldig werden,
Dann überlaßt ihr ihn der Pein,
Denn alle Schuld rächt sich auf Erden.

Johann Wolfgang von Goethe

 

 

 

 

 

In des Papillons Gestalt
Flattr' ich, nach den letzten Zügen,
Zu den vielgeliebten Stellen,
Zeugen himmlischer Vergnügen,
Über Wiesen, an die Quellen,
Um den Hügel, durch den Wald.

Johann Wolfgang von Goethe

 

 

 

 

Wie an dem Tag, der dich der Welt verliehen,
Die Sonne stand zum Gruße der Planeten,
Bist alsobald und fort und fort gediehen
Nach dem Gesetz, wonach du angetreten.
So mußt du sein, dir kannst du nicht entfliehen,
So sagten schon Sibyllen, so Propheten;
Und keine Zeit und keine Macht zerstückelt
Geprägte Form, die lebend sich entwickelt.

Johann Wolfgang von Goethe

 

 

 

 

Im Atemholen sind zweierlei Gnaden:
Die Luft einzuziehn, sich ihrer entladen;
Jenes bedrängt, dieses erfrischt;
So wunderbar ist das Leben gemischt.
Du danke Gott, wenn er dich preßt,
Und dank ihm, wenn er dich wieder entläßt.

Johann Wolfgang von Goethe

 

 

 

 

Ich sah des Sommers letzte Rose stehn,
sie war, als ob sie bluten könnte, rot;
da sprach ich schauernd im Vorübergehn:
so weit im Leben ist zu nah am Tod!

Es regte sich kein Hauch am heißen Tag,
nur leise strich ein weißer Schmetterling,
doch, ob auch kaum die Luft sein Flügelschlag
bewegte, sie empfand es und verging.

Christian Friedrich Hebbel

 

 

 

Doch heute zu sein…

heißt, weise sein, wenn auch vertraut mit der Torheit;
heißt, stark sein, aber nicht zum Schaden des Schwachen; heißt, mit den Kindern spielen, aber nicht als ihre Väter, sondern als ihre Kameraden, die ihre Spiele lernen wollen;
heißt, einfach und offen sein mit den Alten und mit ihnen im Schatten betagter Eichen sitzen, auch wenn ihr noch im Frühling steht;
heißt, einen Dichter suchen, auch wenn er hinter sieben Flüssen wohnt, und in seiner Gegenwart Frieden empfinden, nichts wollen, ohne Zweifel sein und ohne Frage auf den Lippen;
heißt, wissen, daß der Heilige und der Sündige Zwillingsbrüder sind, deren Vater unser Barmherziger König ist, und daß der eine nur kurz vor dem anderen geboren wurde, weshalb wir ihn als Kronprinzen betrachten;
heißt, der Schönheit folgen, auch wenn sie zum Rande des Abgrunds führt; und wenn sie Flügel hat, ihr aber ohne Flügel seid, ihr folgen, auch wenn sie über den Abgrund geht, denn wo keine Schönheit ist, da gibt es nichts;
heißt, ein Garten sein ohne Mauern, ein Weinberg ohne Wächter, eine Schatzkammer, immer offen stehend für Besucher;
heißt, ausgeraubt, betrogen, enttäuscht, ja sogar irregeführt, in die Falle geraten und dann verspottet sein, trotz alledem aber herabblicken von der Höhe eures größeren Selbst und lächeln im Bewußtsein, daß es einen Frühling gibt, der in euren Garten kommt, um in euren Blättern zu tanzen, und einen Herbst, der eure Trauben reifen lässt;
heißt, wissen, daß ihr nur ein Fenster nach Osten öffnen müßt, um niemals allein zu sein, und wissen, daß alle, die für Übeltäter und Räuber gehalten werden, eure Brüder sind, die ihr braucht, und daß ihr selbst all das seid in den Augen der seligen Bewohner der Unsichtbaren Stadt jenseits von uns.

Khalil Gibran

 

 

 

Das Bild der Sonne in einem Tautropfen ist
nicht weniger als die Sonne selbst.
Das Abbild des Lebens in eurer Seele ist nicht
weniger wert als das Leben selbst.
Ein Tropfen des Taues spiegelt das Licht
wider, denn es ist eins mit dem Licht,
und ihr seid ein Ebenbild des Lebens, denn
ihr und das Leben seid eins.

Khalil Gibran

 

 

 

 

Das Leben

Das Leben ist verhüllt und verborgen,
wie auch euer größeres Selbst verborgen
und verhüllt ist.
Aber wenn das Leben spricht,
werden alle Winde Worte;
und wenn es von neuem spricht,
so wird das Lächeln auf euren Lippen
und die Tränen in euren Aug' zum Wort.
Wenn es singt , hören es die Tauben
und sind ergriffen;
und wenn es sich langsam nähert,
sehen es die Blinden und sind entzückt
und folgen ihm verwundert und erstaunt.

Khalil Gibran

 

 


Leben, wohl dem, dem es spendet
Freude, Kinder, täglich Brot,
Doch das Beste, was es sendet,
Ist das Wissen, daß es endet,
Ist der Ausgang, ist der Tod.

Theodor Fontane

 

 

Ich lebe mein Leben in wachsenden Ringen,
die sich über die Dinge zieh'n.
Ich werde den letzten vielleicht nicht vollbringen,
aber versuchen will ich ihn.

Ich kreise um Gott, um den uralten Turm,
und ich kreise jahrtausendelang,
und ich weiß noch nicht: bin ich ein Falke, ein Sturm
oder ein großer Gesang.

Rainer Maria Rilke

 

 

 

 

Abend

Der Abend wechselt langsam
die Gewänder,
die ihm ein Rand von alten Bäumen hält;
du schaust: und von dir scheiden sich
die Länder,
ein himmelfahrendes und eins, das fällt.

Und lassen dich,
zu keinem ganz gehörend,
nicht ganz so dunkel wie das Haus,
das schweigt,
nicht ganz so sicher Ewiges beschwörend
wie das, was Stern wird jede Nacht
und steigt.

Und lassen dir
(unsäglich zu entwirrn)
dein Leben bang und riesenhaft
und reifend,
sodaß es, bald begrenzt
und bald begreifend,
abwechseln Stein in dir wird und Gestirn.

Rainer Maria Rilke

 

 

 

Du mußt das Leben nicht verstehen

Du mußt das Leben nicht verstehen,
dann wird es werden wie ein Fest.
Und laß dir jeden Tag geschehen
so wie ein Kind im Weitergehen
von jedem Wehen
sich viele Blüten schenken läßt.

Sie aufzusammeln und zu sparen,
das kommt dem Kind nicht in den Sinn.
Es löst sie leise aus den Haaren,
drin sie so gern gefangen waren,
und hält den lieben jungen Jahren
nach neuen seine Hände hin.

Rainer Maria Rilke

 

 

 

 

 

Wie das Gestirn

Wie das Gestirn, der Mond, erhaben, voll Anlaß,
plötzlich die Höhn übertritt, die entworfene Nacht
gelassen vollendend: siehe: so steigt mir
rein die Stimme hervor aus Gebirgen des Nichtmehr.
Und die Stellen, erstaunt, an denen du da warst und
fortkamst, schmerzen klarer dir nach.

Rainer Maria Rilke

 

 

 

Bis wohin reicht mein Leben
(Die Liebende)

Das ist mein Fenster. Eben
bin ich so sanft erwacht.
Ich dachte, ich würde schweben.
Bis wohin reicht mein Leben,
und wo beginnt die Nacht?

Ich könnte meinen, alles
wäre noch Ich ringsum;
durchsichtig wie eines Kristalles
Tiefe, verdunkelt, stumm.

Ich könnte auch noch die Sterne
fassen in mir; so groß
scheint mir mein Herz; so gerne
ließ es ihn wieder los.

den ich vielleicht zu lieben,
vielleicht zu halten begann.
Fremd, wie nie beschrieben
sieht mich mein Schicksal an.

Was bin ich unter diese
Unendlichkeit gelegt,
duftend wie eine Wiese,
hin und her bewegt,

rufend zugleich und bange,
daß einer den Ruf vernimmt,
und zum Untergange
in einem Andern bestimmt.

Rainer Maria Rilke

 

 

 

 

Das beste Werk auf Erden ist,
Korn in die Scholle säen,
Und aller Freuden reichste ist,
Die vollen Schwaden mähen.
Rund geht der Wurf des Sämanns
und rund des Schnitters Eisen
des ganzen Lebens auf und ab
liegt zwischen diesen Kreisen.

Friedrich Rückert

 

 

 

Wer andere kennt, ist klug.
Wer sich selber kennt, ist weise.
Wer andere besiegt, hat Kraft.
Wer sich selber besiegt, ist stark.
Wer sich durchsetzt, hat Willen.
Wer sich selber genügt, ist reich.
Wer seinen Platz nicht verliert, hat Dauer.
Wer auch im Tode nicht untergeht, der lebt.

Laotse

 

 

 

Das ist das alte Lied und Leid,
daß die Erkenntnis erst gedeiht,
wenn Mut und Kraft verrauchen;
die Jugend kann, das Alter weiß;
du kaufst nur um des Lebens Preis
die Kunst, das Leben recht zu brauchen.

Emanuel Geibel

 

 

 

Faunsflötenlied

Ich glaube an den großen Plan,
den heiter heiligen Werdegeist;
sein Herzschlag ist der Weltentakt,
in dem die Sonnenfülle kreist.

Er wird und stirbt und stirbt und wird,
kein Ende und kein Anbeginn.
Sing, Flöte, dein Gebet der Lust!
Das ist des Lebens heiliger Sinn.

Otto Julius Bierbaum

 

 

 

Alle Wesen scheun Bedrückung,
bangen vor des Todes Nöten.
gleich wie du ist jedes Wesen!
Töte nicht und laß nicht töten!

Alle Wesen scheun Bedrückung,
alle um das Leben beten,
gleich wie du ist auch der andre!
Töte nicht und laß nicht töten!

Buddha

 

 

Mancherlei sammelt gar Mancher,
Und weiß des Sammelns kein Ende,
Und ob dem Mancherlei, ach!
Sammelt er selber sich nicht.
Hast du alles gesammelt,
Was wird dein Sammeln nützen,
Wenn du die Welt auch gewännst,
So du dich selber zerstreust? –
Die zerstreut waren,
In eine Herde zu sammeln,
Kam vom Himmel herab
Selber des Ewigen Sohn;
Sprach auch deutlich genug:
Wer nicht mit mir sammelt, zerstreut!

Und doch bleibet zerstreut
Sorglos die thörichte Welt! –

Christian Adolf Overbeck
 

 

 

Kein Harren gilt noch Hoffen!
Frisch vorwärts! Unverzagt!
Mir steht die Welt noch offen:
Wohlan, es sei gewagt!

Und wird's auch nie errungen,
Wonach mein Geist gestrebt,
So hab ich doch gesungen,
Geliebt und gelebt.

August Heinrich Hoffmann von Fallersleben

 

 

Deine flüchtigen Sekunden
Miß mit deines Herzens Schlag!
Deine Wahrheit ist dein Tag,
Und mit ihm ist sie entschwunden.
Antwort forderst du vergebens,
Wo kein Puls des Blutes schlägt -
Was dein Innerstes bewegt,
Ist die Wahrheit deines Lebens.

Lebensweisheit

 

 

 

Groß ist das Leben und reich!
Ewige Götter schenkten es uns,
lächelnder Güte voll,
uns, den Sterblichen, Freudegeschaffenen.
Aber arm ist des Menschen Herz!
Schnell verzagt, vergißt es der reifenden Früchte.
Immer wieder mit leeren Händen
sitzt der Bettler an staubiger Straße, drauf das
Glück mit tönernen Rädern
leuchtend vorbeifuhr.

Otto Erich Hartleben

 

 

 

Der Abend leget warme
hernieder seine Arme
und wo die Erde zu Ende
da ruhen seine Hände…
Die Mücklein summen leise
in ihrer hellen Weise
und alle Wesen beben
und singen leis vom Leben…
Es ist nicht groß, es ist nicht breit,
s’ ist eine kleine Spanne Zeit
und lange währt die Ewigkeit…

Paula Modersohn-Becker

 

 

 

Was die Erde hat, kann nicht bestehen,
ihre Gabe heißt Vergänglichkeit,
aufwärts zu dem Himmel mußt du sehen,
suchst du ew'ge Schön- und Herrlichkeit.

Laß zum Himmel dich die Erde weisen,
suche deine Heimat nicht auf ihr,
du mußt weiter, immer weiter reisen,
deines Bleibens ist nicht lange hier.

Karl Johann Philipp Spitta

 

 

 

Und wenn zerfällt
die ganz Welt,
wer sich an ihn hält,
und wen er hält,
wird wohlbehalten bleiben.

Karl Johann Philipp Spitta

 

 

 

Was ist Leben? Irrwahn bloß!
Was ist Leben? Eitler Schaum,
Trugbild, ein Schatten kaum,
Und das größte Glück ist klein;
Denn ein Traum ist alles Sein,
Und die Träume selbst sind Traum.

Pedro Calderón de la Barca

 

 


Ernst ist ja das Leben und soll es auch sein,
doch so hat's der Schöpfer gewollt:
Seht ja nicht in allem die Dornen allein,
auch die Rosen, lieblich und hold.
Du Menschenherz in Not und Pein,
wie pochst du oft so bang.
Gönn' dir doch etwas Sonnenschein,
das Leben währt ja nicht lang.

Aus: »Wollen und Wirken der Lebensfreude«, 1910

Wer nicht gelitten, hat nur halb gelebt,
wer nicht gefehlt, hat wohl auch nicht gestrebt,
wer nie geweint, hat halb auch nur gelacht,
wer nie gezweifelt, hat wohl kaum gedacht.

J. B. Goode

 

 

 

Was dich immer drückt, verzage nicht.
Auch das Leiden adelt – klage nicht.
Nur was wieder in den Staub dich zieht,
das Gemeine nur vertrage nicht.
Freude kann veredeln wie der Schmerz,
drum des Lebens Lust entsage nicht.
Vorwärts, unaufhaltsam rollt die Zeit,
und ins Rad zu greifen wage nicht.
Was du bist, das strebe ganz zu sein.
und nach anderm Lohne frage nicht.

Albrecht Graf Wickenburg

 

 


Zwei Meilen Trab

Es sät der Huf, der Sattel knarrt,
der Bügel jankt, es wippt mein Bart
im immer gleichem Trabe.

Auf stillen Wegen wiegt mich längst
mein alter Mecklenburger Hengst
im Trab, im Trab, im Trabe.

Der sammetweichen Sommernacht
Violenduft und Blütenpracht
begleiten mich im Trabe.

Ein grünes Blatt, ich nahm es mit,
das meiner Stirn vorüberglitt
im Trabe, Trabe, Trabe.

Hut ab, ich nestle wohlgemut,
Hut auf, schon sitzt das Zweiglein gut,
ich blieb im gleichen Trabe.

Bisweilen hätschelt meine Hand
und liebkost Hals und Mähnenwand
dem guten Tier im Trabe.

Ich pfeif aus Flick und Flock ihm vor,
er prustet, er bewegt das Ohr,
und sing ihm eins im Trabe.

Ein Nixchen, das im nahen Bach
sich badet, plantscht und spritzt mir nach
im Trabe, Trabe, Trabe.

Und wohlig weg im gleichen Maß,
daß ich die ganze Welt vergaß
im Trag, im Trab, im Trabe.

Und immer fort, der Fackel zu,
dem Torfahrtlicht der ewigen Ruh,
im Trabe, Trabe, Trabe.

Detlev von Liliencron

 

 

 

Menschenleben

Wähnen, glauben, fürchten, lieben,
sich erfreuen und betrüben.
Bald sich wagen, bald besinnen,
oft verlieren, oft gewinnen.
Sich vertiefen, sich erheben,
zwischen Furcht und Hoffnung schweben,
Traum mit Wirklichkeit verweben,
doch, wo möglich, vorwärts streben,
das ist eben – Menschenleben

Unbekannt

 

 

 

Ganzheit

Sobald wir das Dasein als Ganzheit erfassen
Und jede Krankheit als Reifen begreifen,
wird uns das Leben geheilt entlassen,
um höhere Sphären zu durchstreifen
und alles Werden und Vergehn
als Spiel der Einheit zu verstehn.

Unbekannt

 

 

 

An mein Kind

An diesem Morgen werde ich lächeln wenn ich dein Gesicht sehe und lachen, auch wenn mir nach weinen zumute ist.
An diesem Morgen lasse ich dich deine Kleider selbst aussuchen, und sage dir wie perfekt es aussieht.
An diesem Morgen werde ich die schmutzige Wäsche liegen lassen und mit dir in den Park zum Spielen gehen.
An diesem Morgen lasse ich das schmutzige Geschirr in der Spüle und lasse mir von dir zeigen wie man dein Puzzle zusammenbaut.
An diesem Nachmittag werde ich das Telefon ausstecken, den Computer ausschalten und mit dir im Garten sitzen und Seifenblasen fliegen lassen.
An diesem Nachmittag werde ich dich nicht anschreien und werde nicht genervt sein wenn du schon wieder ein Eis willst, ich werde es dir einfach kaufen.
An diesem Nachmittag werde ich mir keine Sorgen darüber machen, was einmal aus dir werden wird, wenn du erwachsen bist.
An diesem Nachmittag werden wir Plätzchen backen und ich lasse sie ganz alleine von dir formen ohne es besser machen zu wollen.
An diesem Nachmittag gehen wir zu McDonalds und kaufen zwei Happy Meals damit wir beide ein Spielzeug haben.
An diesem Abend werde ich dich in den Armen halten und dir eine Geschichte darüber erzählen, wie du geboren wurdest und wie sehr ich dich liebe.
An diesem Abend werde ich dich in der Badewanne planschen lassen und mich nicht über die Pfützen ärgern.
An diesem Abend darfst du ganz lange aufbleiben und wir sitzen auf dem Balkon und zählen die Sterne.
An diesem Abend werde ich mich ganz lange und ganz nah zu dir kuscheln und meine Lieblingsfernsehsendung verpassen.
An diesem Abend, wenn ich mit meinen Händen über dein Haar streiche während du betest, werde ich einfach nur dankbar sein für das größte Geschenk das Gott mir gemacht hat.
Ich werde an die anderen Mütter und Väter denken, die ihre vermißten Kinder suchen, die Mütter und Väter die an die Gräber ihrer Kinder gehen müssen, weil die Kinderzimmer leer sind, an die Mütter und Väter die in Krankenhäusern sitzen und zusehen müssen, wie ihre Kinder leiden und ihre Verzweiflung nicht hinausrufen dürfen.
Und wenn ich dir einen Gute-Nacht-Kuß gebe, dann werde ich dich ein bißchen fester halten, ein bißchen länger.
Dann werde ich mich bei Gott für dich bedanken und ihn um nichts bitten.
Außer einen weiteren Tag...
Wir wissen nie, ob Gott uns noch einen weiteren Tag gibt.

Unbekannt

 

 

 

Manchmal

Scheinen die Dinge auseinanderzubrechen
Wenn du es am wenigsten erwartest
Manchmal
Möchtest du zusammenpacken und
sie alle mitsamt ihrem Lächeln hinter dir lassen.

Unbekannt

 

 

 

Ich lebe,
ich darf leben,
ich habe Zeit bekommen,
um zu leben,
um zu lieben,
um zu tanzen,
um glücklich zu sein.

Unbekannt

 

 

 

Leider ist der Weg durchs Leben
meistens nicht gewischt und eben.
Aber, lieber Freund, was tut es,
jedes Übel hat sein Gutes.
Nur nicht zaudern oder klagen
und sich täglich selber sagen:
Lieber mühevoll hinauf
als bergab in leichtem Lauf!

Unbekannt

 

 

 

 

Laß dich ein auf den Zauber der Natur,
hab' keine Angst, laß dich fallen, laß einfach los.
Breite deine Flügel aus, laß dich tragen
vom Wind in die Weite des Himmels.
Schaue alle Farben dieser Erde, zieh mit den Vögeln,
laß dich treiben in deinen Träumen
und spüre sie, diese unendliche Freiheit.
Nutze den Tag!
Jeder Tag ist ein ganzes Leben.
Tue das, was heute wichtig ist...
Vergiß das Gestern.
Vergiß das Morgen.
Lebe jetzt!

Unbekannt

 

 

 

 

Und hättest du den Ozean durchschwommen,
Das Grenzenlose dort geschaut,
So sähst du dort doch Well auf Welle kommen,
Selbst wenn es dir vorm Untergange graut.
Du sähst doch etwas. Sähst wohl in der Grüne
Gestillter Meere streichende Delphine;
Sähst Wolken ziehen, Sonne, Mond und Sterne;
Nichts wirst du sehn in ewig leerer Ferne,
Den Schritt nicht hören, den du tust,
Nichts Festes finden, wo du ruhst.

Johann Wolfgang von Goethe

 

 

 

 

 

Wie ein reifer Apfel häng ich an des Dienstes Apfelbaum;
daß ich noch am Baume hänge,
glaube ich oft selber kaum.
Fröste kommen, Stürme rütteln,
und ich seh, wie mancher fällt.
Ich allein, ich bleibe hängen,
weiß der Teufel, was mich hält.

Freiherr Friedrich von Ziegler

 

 

 

Denn in den Räumen dieser Wunderwelt ist eben
Nur ein Traum das ganze Leben;
Und der Mensch, das seh ich nun
Träumt sein ganzes Sein und Tun,
Bis zuletzt die Träum' entschweben.

Pedro Calderón de la Barca

 

 

 

Von deinem Leben

Siehst du den eigenen Schatten vergehn
Still an der Mauer,
Siehst du die ziehende Wolke verweh'n
Im Regenschauer,

Siehst du den steigenden Morgenrauch
In Nichts verschweben –
So siehst du Anfang und Ende auch
Von deinem Leben.

Emil Claar

 

 

 

Aussicht

Komm zum Garten denn, du Holde!
In den warmen, schönen Tagen
Sollst du Blumenkränze tragen,
Und vom kühl krystall'nen Golde
Mit den frischen, roten Lippen,
Eh' ich trinke, lächelnd nippen.
Ohne Maß dann, ohne Richter,
Küssend, trinkend singt der Dichter
Lieder, die von selbst entschweben:
Wunderschön ist doch das Leben!

Joseph Karl Benedikt Freiherr von Eichendorff

 

 

Denn, Herr, die großen Städte sind
verlorene und aufgelöste;
wie Flucht vor Flammen ist die größte, –
und ist kein Trost, daß er sie tröste,
und ihre kleine Zeit verrinnt.

Da leben Menschen, leben schlecht und schwer,
in tiefen Zimmern, bange von Gebärde,
geängsteter denn eine Erstlingsherde;
und draußen wacht und atmet deine Erde,
sie aber sind und wissen es nicht mehr.

Da wachsen Kinder auf an Fensterstufen,
die immer in demselben Schatten sind,
und wissen nicht, daß draußen Blumen rufen
zu einem Tag voll Weite, Glück und Wind, –
und müssen Kind sein und sind traurig Kind.

Da blühen Jungfrauen auf zum Unbekannten
und sehnen sich nach ihrer Kindheit Ruh;
das aber ist nicht da, wofür sie brannten,
und zitternd schließen sie sich wieder zu.

Und haben in verhüllten Hinterzimmern
die Tage der enttäuschten Mutterschaft,
der langen Nächte willenloses Wimmern
und kalte Jahre ohne Kampf und Kraft.

Und ganz im Dunkel stehn die Sterbebetten,
und langsam sehnen sie sich dazu hin;
und sterben lange, sterben wie in Ketten
und gehen aus wie eine Bettlerin.

Rainer Maria Rilke

 

 

 

Wer weiß, wie bald
Die Glocke schallt,
Da wir des Maien
Uns nicht mehr freuen.
Drum werdet froh,
Gott will es so,
Der uns dies Leben
Zur Lust gegeben.
Genieß die Zeit,
Die Gott verleiht.

Ludwig Heinrich Christoph Hölty

 

 

 

 

An die Jünglinge

 

Trinkt des Weines dunkle Kraft,
Die euch durch die Seele fließt
Und zu heil'ger Rechenschaft
Sie im Innersten erschließt!
Blickt hinab nun in den Grund,
Dem das Leben still entsteigt,
Forscht mit Ernst, ob es gesund
Jedem Höchsten sich verzweigt!

Geht an einen schaur'gen Ort,
Denkt an aller Ehren Strauß,
Sprecht dann laut das Schöpfungswort,
Sprecht das Wort: es werde! aus!
Ja, es werde! spricht auch Gott,
Und sein Segen senkt sich still,
Denn, den macht er nicht zum Spott,
Der sich selbst vollenden will.

Betet dann, doch betet nur
Zu euch selbst, und ihr beschwört
Aus der eigenen Natur
Einen Geist, der euch erhört.
Leben heißt, tief einsam sein:
In die spröde Knospe drängt
Sich kein Tropfen Taus hinein,
Eh sie inn're Glut zersprengt.

Gott dem Herrn ist's ein Triumph,
Wenn ihr nicht vor ihm vergeht,
Wenn ihr, statt im Staube dumpf
Hinzuknieen, herrlich steht,
Wenn ihr stolz, dem Baume gleich
Euch nicht unter Blüten bückt,
Wenn die Last des Segens euch
Erst hinab zur Erde drückt.

Fort den Wein! Wer noch nicht flammt,
Ist nicht seines Kusses wert,
Und wer selbst vom Feuer stammt,
Steht schon lange glutverklärt.
Euch geziemt nur eine Lust,
Nur ein Gang durch Sturm und Nacht,
Der aus eurer dunklen Brust
Einen Sternenhimmel macht!

Christian Friedrich Hebbel

 

 

 

 

Zuerst wollte ich das Leben erobern,
aber es besiegte mich.

Dann versuchte ich das Leben zu ergründen,
aber ich verlor mich in seiner Unendlichkeit.

Schließlich meinte ich,
man müßte das Leben sorgfältig einteilen,
aber es entzog sich mir.

Dann endlich, zögernd und unbeholfen,
versuchte ich, das Leben zu lieben.

Da umarmte es mich
mit überwältigender Freude!

Unbekannt

 

 

Wege ...

... fordern Bewegung,
machen uns Beine,
sind ausgetreten
oder neu.

Sie führen uns zu
vertrauten Plätzen
oder ins Ungewisse,
sie machen Hoffnung,
bergen Spannung.

Wege verzweigen sich
in Auswege, Umwege,
Irrwege, gerade oder
verschlungene Wege.

Am Ziel
jedoch solltest
Du sagen können:

I did it my way

Unbekannt

 

 

Es gibt keine Biographie,
die sich nicht zu schreiben
und nicht zu lesen lohnte.

Unbekannt

 

 

 

Der Knabe klagt, wenn ihm sein Spielzeug bricht,
Der Jüngling klagt, bricht ihm die Lieb' die Treue,
Es klagt der Mann, bricht ihm der Freund die Pflicht,
Es klagt der Greis, bricht ihm das Herz die Reue.
So ist das Menschenleben nur ein Klagen,
Bis selbst es bricht und wird zur Ruh' getragen.

 

Verfasser unbekannt

 

 

 

 

Sei tapfer, wenn die Masten krachen,
Daß du nicht schreckversteinert stehst;
Du wirst die Wogen dienstbar machen
Sobald du klug das Steuer drehst.

 

Laß' die verzweifelnden Gedanken,
Daß sich dein Compaß nicht verirrt
Und nie dein Schiff aus sicher'n Schranken
Der off'nen See zur Brandung irrt.

Gern packt das Unglück deine Schwächen.
O, kämpfe, daß du nicht erliegst,
Und kannst du auch den Sturm nicht brechen,
So brich' nur selbst nicht und du siegst.

Otto Alexander Banck
(1824 - 1916), deutscher Literar- und Kunsthistoriker und Epigrammdichter, sächsischer Hofrat

Ein Schatten nur,
Der wandelt, ist das Leben, weiter nichts;
Ein armer Komödiant, der auf der Bühne
Sein Stündchen stelzt und große Worte macht,
Worauf man weiter nichts von ihm vernimmt;
Ein Märchen ist's, erzählt von einem Schwachkopf,
Voll wilden Wortschwalls, doch bedeutungsleer.

William Shakespeare

 

 

 

 

Der Reiz ist hin, der Zauber bricht!
So ist des Lebens wildes Fieber:
Delirium, das uns besticht;
Wir sollten schrein, und lachen lieber.

Und jede lichte Pause hebt
Die Hülle von den blut'gen Narben;
Und wer der Weisheit folgt, der lebt
Als Märtyrer, wie Heil'ge starben.

Lord George Gordon Noel Byron

 

 

 

 

 

Das Neue dringt herein mit Macht, das Alte,
Das Würd'ge scheidet, andere Zeiten kommen,
Es lebt ein anders denkendes Geschlecht!
Was tu ich hier? Sie sind begraben alle,
Mit denen ich gewaltet und gelebt.
Unter der Erde schon liegt meine Zeit;
Wohl dem, der mit der neuen nicht mehr braucht zu leben!

Johann Christoph Friedrich von Schiller

 

 

 

 

Du bist ein atmend' Blatt am Daseinsbaume,
So du der Menschheit lebst mit deiner Kraft,
Und lebst unsterblich in der Menschheit fort.

Du bist ein losgelöstes Blatt im Winde,
Verflatternd und verwehend, so du nur
Dir selber lebst in dumpfen Sinnentriebe.

Julius Lohmeyer

 

 

 

Kurze Zeit ist dir gesetzt
Auf der Welt zu krabbeln;
Erst wirst du umhergehetzt
Nach der Leute Babbeln.

Später hetzt die Liebe dich,
Dann des Hungers Pfeifen;
Tausend Wünsche regen sich,
Mußt sie dir verkneifen.

Streit und Zank im Ehejoch,
Schicksalsschlag von oben,
Und dabei sollst du noch hoch
Solchen Himmel loben.

Ach, du weißt schon, wie ich's mein',
Teurer Erdenbruder,
Kein Gottvater pfuscht uns drein,
Sondern andre Luder.

Emerenz Meier

 

 

 

Wie eine Rose blühet
Wenn man die Sonne siehet,
Begrüßen diese Welt,
Die eh der Tag sich neiget,
Eh sich der Abend zeiget
Verwelkt und unversehens abfällt.

So wachsen wir auf Erden,
Und hoffen groß zu werden,
Und schmerz- und sorgenfrei,
Doch eh wir zugenommen,
Und recht zur Blüte gekommen,
Bricht uns des Todes Sturm entzwei.

Auf, Herz! Wach und bedenke,
Daß dieser Zeit Geschenke
Den Augenblick nur dein!
Was du zuvor genoßen,
Ist als ein Strom verschossen.
Was künftig – wessen wird es sein?

Andreas Gryphius

 

 

 

Nur ein Pfand ist unser Leben,
Unsre Freud und unser Glück,
Was der Himmel hat gegeben,
Nimmt er wiederum zurück.
 
Was wir waren, was wir hatten,
Was wir haben, was wir sind,
Alles ist wie Traum und Schatten,
Alles mit der Zeit verrinnt.
 
Laß das Weinen! Laß das Klagen!
Fasse Mut in deinem Leid!
In des Leben trübsten Tagen,
Gibt Gott Trost nur und die Zeit.

August Heinrich Hoffmann von Fallersleben

 

 

 

 

 

Ich möchte dort hingehn, wo niemand mich kennt,
Kein Mensch meine Sprache spricht, keiner mich nennt.
Ich wünsche ein Haus ohne Wand, ohne Tor,
Kein Nachbar ihm nah und kein Wächter davor,
Und wenn ich erkranke, kein Mensch, der mich pflegt,
Und wo, wenn ich sterbe, kein Klaglaut sich regt.

Mirzâ Asadullâh Ghalib

 

 

 

Ich kann als Wandrer durch die Welt nur treiben,
Ich fand ja keinen Freund, es ward schon Abend.

Nach meinem Sinn nur lesen oder schreiben –
Ich fand ja keinen Freund, es ward schon Abend.

Die Hände hab’ ich vors Gesicht geschlagen,
Die Tränen fließen stets bei meinen Klagen,
Die Fehler sehe ich, die in mir lagen,
Ich fand ja keinen Freund, es ward schon Abend.

Das Fundament der Welt ist wüst, o Not!
Das Korn ist aufgebraucht, es gibt kein Brot,
Weh diesem Leben, das hingeht zum Tod!
Ich fand ja keinen Freund, es ward schon Abend.

Kul Himmet

 

 

 

 

Alles ist nur Übergang.
Merke wohl die ernsten Worte:
Von der Stunde, von dem Orte
Treibt dich eingepflanzter Drang.
Tod ist Leben, Sterben Pforte.
Alles ist nur Übergang.

Unbekannt

 

 

 

 

Unser Leben gleicht der Reise
Eines Wandrers in der Nacht;
Jeder hat in seinem Gleise
Etwas, das ihm Kummer macht.

Aber unerwartet schwindet
Vor uns Nacht und Dunkelheit,
Und der Schwergedrückte findet
Linderung in seinem Leid.

Mutig, mutig, liebe Brüder,
Gebt das bange Sorgen auf;
Morgen steigt die Sonne wieder
Freundlich an dem Himmel auf.

Darum laßt uns weitergehen;
Weichet nicht verzagt zurück!
Hinter jenen fernen Höhen
Wartet unser noch ein Glück.

Unbekannt

 

 

 

 

Was weiß denn ich vom Menschenleben?
Bin freilich scheinbar dringestanden,
aber ich hab' es höchstens verstanden,
konnte mich nie darein verweben.
Hab mich niemals daran verloren.
Wo andre nehmen, andre geben,
blieb ich beiseit, im Innern stummgeboren.
Ich hab von allen lieben Lippen
den wahren Trank des Lebens nie gesogen,
bin nie von wahrem Schmerz durchschüttert,
die Straße einsam, schluchzend, nie! gezogen.
Wenn ich von guten Gaben der Natur
je eine Regung, einen Hauch erfuhr,
so nannte ihn mein überwacher Sinn,
unfähig des Vergessens, grell beim Namen.
Und wie dann tausende Vergleiche kamen,
war das Vertrauen, war das Glück dahin.
Und auch das Leid! zerfasert und zerfressen
vom Denken, abgeblaßt und ausgelaugt!
Wie wollte ich an meine Brust es pressen,
wie hätt ich Wonne aus dem Schmerz gesaugt:
Sein Flügel streifte mich, ich wurde matt,
und Unbehagen kam an Schmerzes Statt...

Hugo von Hofmannsthal

 

 

 

 

 

Freuet euch des wahren Scheins,
Euch des ernsten Spieles:
Kein Lebendiges ist ein Eins,
Immer ist's ein Vieles.

Johann Wolfgang von Goethe

 

 

 

 

Im Glück nicht stolz sein und im Leid nicht klagen,
das Unvermeidliche mit Würde tragen,
das Rechte tun, an Schönem sich erfreun,
das Leben lieben und den Tod nicht scheun,
und fest an Gott und bess're Zukunft glauben,
heißt Leben und dem Tod sein Bittres rauben.

Adolf Friedrich Carl Streckfuß

 

 

 

Bebt dir die Seele vor dem Gang der Sterne
im Wechsel zwischen Nacht und Himmels Blau?
Geheimnisvoll und mächtig steht im Kerne
das Schöpfungswunder zwischen Mann und Frau,

in allen Himmeln und auf allen Erden
gilt das Gesetz, das dir die Straße weist,
und Menschen wurden, Menschen sollen werden,
dies ist des Lebens Kette, die nicht reißt.

Dich trug die stete Welle aus den Weiten
und trägt dich stetig durch die Weiten hin;
gebunden gehst du wie die Stunden schreiten,
und du bist Ende, Stufe und Beginn.

Das Blut, das deine Väter dir gegeben,
strömt heilig sicher und vom Licht geweiht
in deine Erben ein – so rollt dein Leben
hin zwischen Ewigkeit und Ewigkeit.

Henry von Heiseler

 

 

 

 

Ausblick

 

Jetzt einen Schritt, dann stürzt vom Rande
mein Leben in die Schlucht hinab.
Wie hängt die Sonne tief im Lande!
Ich recke mich auf meinem Stande,
und alle Sehnsucht fällt mir ab.

Denn dort aus Wald- und Wolkenkränzen
ragt mir erreichbar Firn an Firn.
Die Wirklichkeit ist ohne Grenzen!
Wie nah die fernen Dörfer glänzen,
der Strom dazwischen wie ein Zwirn!

Ich lehne mich zurück mit Grauen:
was ist hier groß, was ist hier klein.
Da blüht ein Enzian; nun schauen
zwei Menschenaugen in den blauen,
einsamen, winzigen Kelch hinein.

In gelben Pollen reist der Samen,
Unendlichkeiten ahnen mir;
und selig ruf' ich einen Namen –
Du Mutter meiner Kinder, Amen,
mein Leben blüht, ich danke dir!

Richard Fedor Leopold Dehmel

 

 

Ich wollte Milch
und bekam die Flasche

ich wollte Eltern
und bekam Spielzeug

ich wollte reden
und bekam ein Buch

ich wollte lernen
und bekam Zeugnisse

ich wollte denken
und bekam Wissen

ich wollte einen Überblick
und bekam einen Einblick

ich wollte frei sein
und bekam Disziplin

ich wollte Liebe
und bekam Moral

ich wollte einen Beruf
und bekam einen Job

ich wollte Glück
und bekam Geld

ich wollte Freiheit
und bekam ein Auto

ich wollte einen Sinn
und bekam eine Karriere

ich wollte Hoffnung
und bekam Angst

ich wollte ändern
und erhielt Mitleid

ich wollte leben.....

Unbekannt

 

 

 

 

Die Ros' ist ohn' Warum, sie blühet,
weil sie blühet, sie acht' nicht ihrer selbst,
fragt nicht, ob man sie siehet.

Angelus Silesius

 

 

 

 

Flüchtig sind des Lebens Tage.
Erdendasein ist ein Traum:
Fülle nicht mit Sorg' und Klage
Dieser Spanne kleinen Raum!

 

 

Auf des Lebens klurzer Reise
Sei uns Muth das Losungsworth!
Nur durch Muth gelangt der Weise
In den stürmesichern Port.

Friedrich Ludwig Freiherr von Berlepsch

 

 

 

 

Bedachtsamkeit

 

Sei ruhig; stürme, stürme nicht!
Warum sollst du dich überstürzen?
Tu recht und billig deine Pflicht;
du kannst die Zeit doch nicht verkürzen.

Sei ruhig; dräng dich nicht voran!
Es gilt, die edle Kraft zu sparen.
Wer diese Kraft nicht zügeln kann,
der wird mit ihr nicht glücklich fahren.

Sei ruhig, doch versäume nichts!
Es darf sich keine Lücke zeigen.
Willst du empor zum Quell des Lichts,
hast du behutsam aufzusteigen.

Sei ruhig, immer unbeirrt!
Laß dich von andern nicht betören;
denn wer sich selber untreu wird,
der ist von ihnen leicht zu stören.

Sei ruhig, wenn das Ende naht!
Bist du nicht zaghaft wie so viele,
so bringt die letzte, schwerste Tat
auf Engelsschwingen dich zum Ziele.

Karl Friedrich May

 

 

 

Beresina-Lied

Unser Leben gleicht der Reise
Eines Wandrers in der Nacht;
Jeder hat auf seinem Gleise
Vieles, das ihm Kummer macht;
Aber unerwartet schwindet
Vor uns Nacht und Dunkelheit,
Und der Schwergedrückte findet
Linderung in seinem Leid.
Darum laßt uns weitergehen!
Weichet nicht verzagt zurück!
Hinter jenen fernen Höhen
Wartet unsrer noch ein Glück.
Mutig, mutig, lieben Brüder!
Gebt die bangen Sorgen auf!
Morgen geht die Sonne wieder
Freundlich an dem Himmel auf!

Ludwig Giseke

 

 

 

 

Das Leben

Das Leben ist ein Spiel
Voll Fallen
Voll mit Tücken
Hochgezogne Brücken

Überall

Überall sind Aufgaben
Hindernisse
So schwer zu überwinden
So kraftraubend
So unüberschaubar

Leere
So erfüllt mit Leere
Kann Leere überhaupt füllen?

Gefühle
So unwirklich
So wahr
So schmerzend

Träume die wir träumen
Und Alpträume aus denen wir nicht erwachen

Der Abgrund scheint aufzuklaffen
Droht uns zu verschlingen

Droht uns zu verbrennen
Doch können nicht rennen
Nicht halten
Werden unaufhaltsam in die Tiefe gezogen

Illusionen so täuschend echt
Wahrheit die so unsichtbar ist wie ein Leguan

Haß so weit verbreitet
Daß wir ihn überall spüren

Leid so offensichtlich
Und doch so totgeschwiegen

Freunde die gleichzeitig Feinde sind
Und Fremde, die dich so durchdringend ansehn

Glaube
Der so weit bringt – wie ein Segelboot ohne Wind

Unbekannt

 

 

 

Wer weiß zu leben?
Wer zu leiden weiß.
Wer weiß zu genießen?
Wer zu meiden weiß.
Wer ist der Reiche?
Der sich beim Ertrag
des eignen Fleisches
zu bescheiden weiß.

David Friedrich Strauß

 

 

 

 

Summa Summarum!

Eine kleine Stellung, ein kleiner Orden
(Fast wär ich auch mal Hofrat geworden),
Ein bißchen Namen, ein bißchen Ehre,
eine Tochter "geprüft", ein Sohn im Heere,
Mit siebzig 'ne Jubiläumsfeier,
Artikel im Brockhaus und im Meyer ...
Altpreußischer Durchschnitt, Summa Summarum,
Es drehte sich immer um Lirum Larum
Um Lirum Larum Löffelstiel.
Alles in allem – es war nicht viel.

Theodor Fontane

 

 

 

Wes Leben sich so endet,
Daß er Gott nicht entwendet
Die Seele durch des Leibes Schuld,
Und er daneben noch die Huld
Der Welt mit Ehren sich erhält,
Der hat sein Leben wohlbestellt.

Wolfram von Eschenbach

 

 

 

Lied des Lebens

Flüchtiger als Wind und Welle
Flieht die Zeit; was hält sie auf?
Sie genießen auf der Stelle,
Sie ergreifen schnell im Lauf;
Das, ihr Brüder, hält ihr Schweben,
Hält die Flucht der Tage ein.
Schneller Gang ist unser Leben,
Laßt uns Rosen auf ihn streun.
Rosen; denn die Tage sinken
In des Winters Nebelmeer.
Rosen; denn sie blühn und blinken
Links und rechts noch um uns her.
Rosen stehn auf jedem Zweige
Jeder schönen Jugendtat.
Wohl ihm, der bis auf die Neige
Rein gelebt sein Leben hat.
Tage, werdet uns zum Kranze
Der des Greises Schläf' umzieht
Und um sie in frischem Glanze
Wie ein Traum der Jugend blüht.
Auch die dunkeln Blumen kühlen
Uns mit Ruhe, doppelt-süß;
Und die lauen Lüfte spielen
Freundlich uns ins Paradies.

Johann Gottfried von Herder

 

 

 

 

Wird nur erst der Himmel heiter,
Tausend zählt ihr, und noch weiter.
Wirst, erstarrtes Herz, du wieder schlagen?
Wirke gut, so wirkst du länger,
Als es Menschen sonst vermögen.
Wirst du deinesgleichen kennen lernen,
So wirst du dich gleich wieder entfernen.
Wirklich ist es allerliebst
Auf der lieben Erde...

Johann Wolfgang von Goethe

 

 

 

Auf dem Faulbett

 

Auf mein Faulbett hingestreckt
Überdenk' ich so meine Tage,
Forschend, was wohl dahintersteckt.
Daß ich nur immer klage.

Ich habe zu essen, ich habe Tabak,
Ich lebe in jeder Sphäre,
Ich liebe je nach meinem Geschmack
Blaustrumpf oder Hetäre.

Die sexuelle Psychopathie,
Ich habe sie längst überwunden -
Und dennoch, ich vergess' es nie,
Es waren doch schöne Stunden.

Frank Wedekind

 

 

 

 

Bundeslied der Galgenbrüder

 

O schauerliche Lebenswirrn,
wir hängen hier am roten Zwirn!
Die Unke unkt, die Spinne spinnt,
und schiefe Scheitel kämmt der Wind.

O Greule, Greule, wüste Greule!
Du bist verflucht! so sagt die Eule.
Der Sterne Licht am Mond zerbricht.
Doch dich zerbrach's noch immer nicht.

O Greule, Greule, wüste Greule!
Hört ihr den Huf der Silbergäule?
Es schreit der Kauz: pardauz! pardauz!
da taut's, da graut's, da braut's, da blaut's!

Christian Morgenstern

 

 

 

 

Wolle nicht zurückbleiben auf deinem Weg.
Wolle nicht umkehren und nicht vom Weg abgehen.
Wer nicht vorangeht, bleibt zurück.
Wer zu dem zurückläuft,
das er verlassen hat, der geht rückwärts.
Besser der Lahme auf dem Weg
als der Läufer auf dem Irrweg.

Augustinus Aurelius

 

 

 

Ihr wandelt droben im Licht
Auf weichem Boden, selige Genien!
Glänzende Götterlüfte
Rühren euch leicht,
Wie die Finger der Künstlerin
Heilige Saiten.

Schicksallos, wie der schlafende
Säugling, atmen die Himmlischen;
Keusch bewahrt
In bescheidener Knospe,
Blühet ewig
Ihnen der Geist,
Und die seligen Augen
Blicken in stiller
Ewiger Klarheit.

Doch uns ist gegeben,
Auf keiner Stätte zu ruhn,
Es schwinden, es fallen
Die leidenden Menschen
Blindlings von einer
Stunde zur andern,
Wie Wasser von Klippe
Zu Klippe geworfen,
Jahr lang ins Ungewisse hinab.

Johann Christian Friedrich Hölderlin

 

 

 

Am Schachbrett des Lebens

 

Beim Schachspiel saß ich. Ein Springerzug
Ließ jäh meine Wangen erblassen.
Das Herz hinauf bis zum Hals mir schlug:
Die Königin mußte ich lassen.

Ich nehme den goldenen Becher zur Hand
Und leere ihn bis zum Grunde.
Die Königin fuhr in das weite Land,
Lacht über das Herz, das wunde.

Jahre vergehen. Ich sitze still
Gebückt überm Schachbrett wieder.
Das Leben verloren? Verloren das Spiel?
Verweht die Rosen, die Lieder?

Wer bist du, Partner? Ich kenne dich doch!
Deine Augen, die braunen, sie brennen.
Märchen einst. Märchen auch heute noch.
Jugend, so will ich dich nennen.

Du selige Jugendpoesie
Breit über mir aus die Hände.
Ich sinne und spiele die alte Partie.
Sie geht niemals zu Ende.

Robert Graf

 

 

 

 

Komm, mein Leben!

Feld und Hain erglühen hold
Unter Blütenträumen
Und das Licht, wie helles Gold
Rauscht es in den Räumen.
Komm, mein Leben, meine Lust,
Tritt in Gottes Helle,
Daß sich wärmer Brust zu Brust,
Lust zu Lust geselle!

Johann Fercher von Steinwand

 

 

 

Hoffe, hoffe! daß auch Ich kann hoffen!
Schleicht der Winter schon in unser Leben,
das noch kaum ein Frühlingsstrahl getroffen?
sahen darum wir den Himmel offen,
daß wir nun zu Grabe sollen streben?!

Glaube, glaube! nimm mir nicht den Segen,
daß ich Einen durch mich glücklich wisse!
Oh, es geht sich schwer auf meinen Wegen:
Schnee und Eis starrt von den Höh'n entgegen,
und im Abgrund gähnen Finsternisse!

Nein! von Liebe will ich Nichts dir sagen!
mußt es selber fühlen, ob die Gluten
dir empor zu heil'gen Flammen schlagen,
in der Lohe uns gen Himmel tragen,
Schnee und Eis zerschmilzt in Lavafluten.

Richard Fedor Leopold Dehmel

 

 

 

Des Knaben Alter ist Idylle.
Der Jüngling braust des Herzens Fülle
in Oden aus und Dithyramben.
Der Mann schwankt hin und in Jamben.
Der Greis beklagt in Elegien
der guten Zeiten schnelles Fliehen.
Der Tod macht auf den ganzen Kram
ein bittres Epigramm.

August Friedrich Ernst Langbein

 

 

 

Wer nie in der Jugend Gewitterdrang
über jedes trennende Gitter sprang,
wer nie in sünd'gem Verlangen gebebt hat
und immer nur nach Erlaubtem gestrebt hat,
dem schmücke das Wams mit Orden und Tressen,
doch sag ihm, er habe zu leben vergessen.

Oskar Blumenthal

 

 

 

Zu fragmentarisch ist Welt und Leben!
Ich will mich zum deutschen Professor begeben,
Der weiß das Leben zusammenzusetzen,
Und er macht ein verständlich System daraus;
Mit seinen Nachtmützen und Schlafrockfetzen
Stopft er die Lücken des Weltenbaus.

Heinrich Heine

 

 

 

 

Verteilet euch nach allen Regionen
Von diesem heilgen Schmaus!
Begeistert reißt euch durch die nächsten Zonen
Ins All und füllt es aus! [...]
Und bald verlischt ein unbegrenztes Streben
Im selgen Wechselblick.
Und so empfangt, mit Dank, das schönste Leben
Vom All ins All zurück.

Johann Wolfgang von Goethe

 

 

 

 

Mein Leben

 

Mein Leben, ein Leben ist es kaum,
Ich gehe dahin als wie im Traum.

Wie Schatten huschen die Mensch hin,
Ein Schatten dazwischen ich selber bin.

Und im Herzen tiefe Müdigkeit –
Alles sagt mir: Es ist Zeit ...

Theodor Fontane

 

 


Zuweilen dünkt es mich, als trübe
Geheime Sehnsucht deinen Blick –
Ich kenn es wohl, dein Mißgeschick:
Verfehltes Leben, verfehlte Liebe!

Du nickst so traurig! Wiedergeben
Kann ich dir nicht die Jugendzeit –
Unheilbar ist dein Herzeleid:
Verfehlte Liebe, verfehltes Leben!

Heinrich Heine

 

 

 

Der Wegweiser

Was vermeid' ich denn die Wege,
wo die andern Wandrer gehn,
suche mir versteckte Stege
durch verschneite Felsenhöhn?

Habe ja doch nichts begangen,
daß ich Menschen sollte scheun –
welch ein törichtes Verlangen
treibt mich in die Wüstenein?

Weiser stehen auf den Straßen,
weisen auf die Städte zu,
und ich wandre sonder Maßen,
ohne Ruh' und suche Ruh'.

Einen Weiser seh' ich stehen
unverrückt vor meinem Blick;
eine Straße muß ich gehen,
die noch keiner ging zurück.

Wilhelm Müller

 

 

 

Die zwei Gesellen

Es zogen zwei rüstge Gesellen
zum erstenmal von Haus,
so jubelnd recht in die hellen,
klingenden, singenden Wellen
des vollen Frühlings hinaus.

Die strebten nach hohen Dingen,
die wollten, trotz Lust und Schmerz,
was Rechts in der Welt vollbringen,
und wem sie vorüber gingen,
dem lachten Sinnen und Herz.

Der erste, der fand ein Liebchen,
die Schwieger kauft' Hof und Haus;
der wiegte gar bald ein Bübchen,
und sah aus heimlichem Stübchen ;
behaglich ins Feld hinaus.

Dem zweiten sangen und logen
die tausend Stimmen im Grund,
verlockend' Sirenen, und zogen
ihn in der buhlenden Wogen
farbig klingenden Schlund.

Und wie er auftaucht' vom Schlunde,
da war er müde und alt,
sein Schifflein das lag im Grunde,
so still wars rings in die Runde,
und über die Wasser wehts kalt.

Es singen und klingen die Wellen
des Frühlings wohl über mir;
und seh ich so kecke Gesellen,
die Tränen im Auge mir schwellen
ach Gott, führ uns liebreich zu Dir!

Joseph Karl Benedikt Freiherr von Eichendorff

 

 

 

 

Dulde, trage.
Bessere Tage
werden kommen.
Alles muß frommen
denen, die fest sind.
Herz, altes Kind,
dulde, trage.

Christian Morgenstern

 

 

Ein töricht Wesen dünkt mich der Mensch,
Treibt dahin auf den Wogen der Zeit,
Endlos geschleudert auf und nieder,
Und wie er ein Fleckchen Grün erspäht,
Gebildet von Schlamm und stockendem Moor
Und der Verwesung grünlichem Moder,
Ruft er: Land! und rudert d'rauf hin,
Und besteigt's – und sinkt – und sinkt –
Und wird nicht mehr gesehn.

 

Franz Grillparzer

 

 

 

 

Hätt' ich gezaudert zu werden,
Bis man mir's Leben gegönnt,
Ich wäre noch nicht auf Erden,
Wie ihr begreifen könnt,
Wenn ihr seht, wie sie sich gebärden,
Die, um etwas zu scheinen,
Mich gerne möchten verneinen.

Johann Wolfgang von Goethe

 

 

Wenn ich betrachte meines Lebens Dauer,
der Jahre Flucht und wie ich mich verlor,
das Feuer sank, in dem ich glühend fror,
die Ruhe schwand der regungslosen Trauer,

wie Liebeswahn und Hoffen mir erstorben,
wie in zwei Teile uns der Tod geteilt
- auf Erden dieser, der im Himmel weilt -,
wie ich verlor, was ich so schwer erworben,

dann schreck ich hoch und berge mein Gesicht
und neide noch dem Ärmsten seine Not,
so bin von Angst und Schmerz ich übermannt.

Mein Stern, mein Los, o ihr, Geschick und Tod,
o unerbittliches und süßes Licht,
in welche Tiefe habt ihr mich verbannt!

Francesco Petrarca

 

 

 

Hat alles auf Erden
sein' Zeit und sein Ziel,
Sorge und Leiden
und fröhliches Spiel.

Zieh' deine Straße
im eigenen Licht!
Lebe lebendig!
Mehr braucht es nicht!

Das andre erfüllt sich,
so wie es muß!
Lebendiges kommt
zum lebendigen Schluß.

Unbekannt

 

 

 

 

 

Fließe, des Lebens Strom, du gehst in Wellen vorüber,
Wo mit wechselnder Höh' eine die andere begräbt;
Mühe folget der Mühe, doch kenn' ich süßere Freuden,
Als besiegte Gefahr oder vollendete Müh'.
Leben ist Lebenslohn, Gefühl sein ewiger Kampfpreis;
Fließe, wogiger Strom, nirgend ein stehender Sumpf.

Johann Christoph Friedrich von Schiller

 

 

 

Der Mensch

Die Liebe hält im Mutterarm
Den zarten Säuglin sanft und warm,
Sie weidet sich, ihn anzuschau'n
In hoffnungsvollem Gottvertrau'n.

Er wächst empor in Lust und Kraft,
Er träumt von früher Meisterschaft;
Er reißt sich los vom Vaterhaus
Und wagt sich in die Welt hinaus.

O, Zuversicht und Jugendblut,
Wie schön vollendet ihn der Mut!
Er reift zum Mann, er kehrt zurück,
Er baut sein Haus und sucht sein Glück.

Zum höchsten Ziel strebt er hinan,
Setzt rüstig Leib und Leben dran;
Allein erschöpft sich seine Kraft,
Bevor er noch sein Werk geschafft.

Er schaut zurück auf seine Bahn,
sie fing so vielversprechend an;
Was ist das Ziel? Was ist der Preis?
Ach, karge Freude, saurer Schweiß!

Sein Leben war ein kurzer Schritt,
Das Ganze flutend riß ihn mit,
Es lockte hier, es trieb ihn dort,
Zog ihn heran und stieß ihn fort.

Die Millionen zählen nur,
Der einzelne läßt keine Spur,
Er stirbt; die Lücke füllt sich aus,
Noch ehe man ihn trägt vom Haus.

Still ist sein bleiches Angesicht,
Als wüßt' er und empfänd' er nicht,
Was unerfüllte Wünsche sind,
Und überm Grabe saust der Wind.

Doch Klage ziemt deshalb uns nicht:
Was Gott gewollt, ist unsre Pflicht,
Und was wir sind in That und Wort,
Das pflanzt sich lebend weiter fort.

In unsers Daseins Sorg' und Qual
Ist uns gewährt ein Hoffnungsstrahl,
Wie sehn empor in Seelenruh'
Und streben der Vollendung zu.

Wir schau'n aus dieser kleinen Welt
Hinaus in Gottes Sternenzelt,
Und leben auf dem Erdenball
Das Leben nur im großen All.

Friedrich Maximilian Hessemer
 

 

 

Das Leben

Beklage nicht, daß deinem Leben
Der Herr nur kurze Frist gegeben,
Dem Traume gleich dein Dasein ist.
Zu bösen Thaten, wie zu guten,
Brauchst du nur wenige Minuten; -
Wie lang' ist deines Lebens Frist!

Wie bei dem Vater aller Seelen
Jahrtausende nur Tage zählen,
Zählt jeder Tag Jahrtausend' dir:
In einem Tage soviel Gutes
Kannst du vollbringen frohen Mutes,
Als wärst du ein Jahrtausend hier!

Ludwig Kossarski

 

 

Gottlob! daß ich auf Erden bin
Und Leib und Seele habe;
Ich danke Gott in meinem Sinn
Für diese große Gabe.

Der Leib ist mir doch herzlich lieb
Trotz seiner Fehl und Mängel,
Ich nehme gern mit ihm vorlieb
Und neide keinen Engel.

Ich küsse gern mein braunes Weib
Und meine lieben Kinder,
Und das tut wahrlich doch mein Leib,
Und mir ist es gesünder,

Als wenn ich mit Philosophie
Die Seele mir verdürbe,
Denn ein klein wenig Not macht sie,
Die liebe Weisheit, mürbe.

Novalis

 

 

 


Es sprach der Geist…

Es sprach der Geist: Sieh auf! - Die Luft umblaute
ein unermeßlich Mahl, so weit ich schaute;
da sprangen reich die Brunnen auf des Lebens,
da streckte keine Schale sich vergebens,
da lag das ganze Volk auf vollen Garben,
kein Platz war leer, und keiner durfte darben.

Conrad Ferdinand Meyer

 

 

Wenn du geliebt, wenn du gehofft,
Wenn du gestrebt, gerungen,
Wenn du mit starkem Willen oft
Dein blutend Herz bezwungen:
Dann fühlst du, wie zu vollem Wert
Erwacht dein ganzes Leben,
Denn jeder Schmerz, der dich beschwert
Wird dich nur höher heben.

Dein Glück, es ist so selten echt,
Und wird dich doch betören:
Der Schmerz verleiht dir erst ein Recht,
Dem Leben zu gehören.
Ob du umfingst in Jugendluft
Die Welt mit Liebesarmen,
Es lehrt dich Leid erst und Verlust
Ein heiligstes Erbarmen.

Otto Roquette

 

 

 

Nur ein Leben

Ein Tropfen fällt: es klingt
Das Meer nur leise.
Die Stelle wird umringt
Von Kreis' an Kreise.

Und weiter, immer mehr.
Nun ruht es wieder.
Wo kam der Tropfen her?
Wo fiel er nieder?

Es war ein Leben nur
Und nur ein Sterben,
Und kam, auch eine Spur
Sich zu erwerben.

Karl Heinrich Wilhelm Wackernagel
 

 

 

Weil meine beiden Beine
Erfolglos müde sind,
Und weil ich gerade einsam bin,
Wie ein hausierendes Streichholzkind,
Setz ich mich in die Anlagen hin
Und weine.

Nun hab ich lange geweint.
Es wird schon Nacht; und mir scheint,
Der liebe Gott sei beschäftigt.
Und das Leben ist – alles, was es nur gibt:
Wahn, Krautsalat, Kampf oder Seife.
Ich erhebe mich leidlich gekräftigt.
Ich weiß eine Zeitungsfrau, die mich liebt.
Und ich pfeife.

Ein querendes Auto tutet.
Nicht Gold noch Stein waren echt
An dem Ring, den ich gestern gefunden.
Die nächtliche Straße blutet
Aus tausend Wunden.
Und das ist so recht.

Joachim Ringelnatz

 

 

 

 

Es kribbelt und wibbelt weiter

Die Flut steigt bis an den Ararat,
Und es hilft keine Rettungsleiter,
Da bringt die Taube Zweig und Blatt –
Und es kribbelt und wibbelt weiter.

Es sicheln und mähen von Ost nach West
Die apokalyptischen Reiter,
Aber ob Hunger, ob Krieg, ob Pest,
Es kribbelt und wibbelt weiter.

Ein Gott wird gekreuzigt auf Golgatha,
Es brennen Millionen Scheiter,
Märtyrer hier und Hexen da,
Doch es kribbelt und wibbelt weiter.

So banne dein Ich in dich zurück
Und ergib dich und sei heiter,
Was liegt an dir und deinem Glück?
Es kribbelt und wibbelt weiter.

Theodor Fontane

 

 

Das Ständchen

Was wecken aus dem Schlummer mich
Für süße Klänge doch?
O Mutter, sieh! Wer mag es sein
In später Stunde noch?

"Ich höre michts, ich sehe nichts,
O schlummre fort so lind!
Man bringt dir keine Ständchen jetzt,
Du armes, krankes Kind!"

Es ist nicht irdische Musik,
Was mich so freudig macht;
Mich rufen Engel mit Gesang,
O Mutter, gute Nacht!

Ludwig Uhland
 

 

 

O Leben Leben, wunderliche Zeit
von Widerspruch zu Widerspruche reichend
im Gange oft so schlecht so schwer so schleichend
und dann auf einmal, mit unsäglich weit
entspannten Flügeln, einem Engel gleichend:
O unerklärlichste, o Lebenszeit.

Rainer Maria Rilke

 

 

 

 

Was hier der Mensch, die Völker leiden,
Verschuldet ist es oft, und Prüfung wird's,
Doch steht ein Ziel. Die letzte schönste Kraft,
Die lange schlummert, unerkannt und still,
Im innersten des Lebens - sie erwacht,
Sie wird sich inne, wenn das Feindliche
Sich nah' und näher drängt; dann wird die Glut,
Die uns Verbrechen schien, ein mildes Licht,
Ein Morgenrot, es blüht im neuen Leben,
Besonnen, hell und reif in schönster Kraft
Aus der Bedrängnis göttergleich empor.
Die Prüfung weicht, und in versöhnter Lieb,
Tritt aus dem Kampf das Feindliche zurück.

Karl Heinrich Grumbach

 

 

 

 

Alles Träumen
Tauget nichts,
Wert ist's kaum
Des Stückchen Lichts

Alles schwindet
Um uns her,
Groß ist nur der
Vergangenheit Meer. –

Tief gelegen
Hinter mir,
Ist der Traum,
Der goldne mir.

Alles Träumen
Tauget nichts,
Wert ist's kaum
Des Stückchen Lichts.

Friederike Kempner

 

 

 

Wie wenn das Leben wär nichts andres

Wie wenn das Leben wär nichts andres
Als das Verbrennen eines Lichts!
Verloren geht kein einzig Teilchen,
Jedoch wir selber gehn ins Nichts!
Denn was wir Leib und Seele nennen,
So fest in eins gestaltet kaum,
Es löst sich auf in Tausendteilchen
Und wimmelt durch den öden Raum.
Es waltet stets dasselbe Leben,
Natur geht ihren ew'gen Lauf;
In tausend neuerschaffnen Wesen
Stehn diese tausend Teilchen auf.
Das Wesen aber ist verloren,
Das nur durch ihren Bund bestand,
Wenn nicht der Zufall die verstäubten
Aufs neu zu einem Sein verband.

Theodor Storm

 

 

 

 

In allem Leben ist ein Trieb
Nach unten und nach oben;
Wer in der rechten Mitte blieb
Von beiden, ist zu loben.

In Hochmut überheb' dich nicht,
Und laß den Mut nicht sinken!
Mit dem Wipfel reich' in's Licht,
Und laß die Wurzel trinken.

Friedrich Rückert

 

 

 

Verblühst du schon?

Du verblühst schon, holde Rose,
weckt dich nicht der Sonne Strahl?
O, du liebe, kleine, lose,
o, erblühe noch einmal!

Einmal öffne noch die Hülle,
sieh, ich will bescheiden sein,
einmal lass mich noch der Fülle
deines Glanzes voll erfreun!

Willst das Köpfchen nicht mehr heben?
Senkst die Blätter welk und fahl?
Ach! es wird ja Lenz im Leben
nur ein einzig, einzig Mal!

Rainer Maria Rilke

 

 

Perfektibilität

Möcht' ich doch wohl besser sein,
Als ich bin! Was wär' es!
Soll ich aber besser sein,
Als du bist, so lehr' es!

Möcht' ich auch wohl besser sein
Als so mancher andre!
»Willst du besser sein als wir,
Lieber Freund, so wandre.«

Johann Wolfgang von Goethe

 

 

 

 

Ich habe gerochen

Ich habe gerochen alle Gerüche
In dieser holden Erdenküche;
Was man genießen kann in der Welt,
Das hab ich genossen wie je ein Held!
Hab Kaffee getrunken, hab Kuchen gegessen,
Hab manche schöne Puppe besessen;
Trug seidne Westen, den feinsten Frack,
Mir klingelten auch Dukaten im Sack.
Wie Gellert ritt ich auf hohem Roß;
Ich hatte ein Haus, ich hatte ein Schloß.
Ich lag auf der grünen Wiese des Glücks,
Die Sonne grüßte goldigsten Blicks;
Ein Lorbeerkranz umschloß die Stirn,
Er duftete Träume mir ins Gehirn,
Träume von Rosen und ewigem Mai -
Es ward mir so selig zu Sinne dabei,
So dämmersüchtig, so sterbefaul -
Mir flogen gebratne Tauben ins Maul,
Und Englein kamen, und aus den Taschen
Sie zogen hervor Champagnerflaschen -
Das waren Visionen, Seifenblasen -
Sie platzten - Jetzt lieg ich auf feuchtem Rasen,
Die Glieder sind mir rheumatisch gelähmt,
Und meine Seele ist tief beschämt.
Ach, jede Lust, ach, jeden Genuß
Hab ich erkauft durch herben Verdruß;
Ich ward getränkt mit Bitternissen
Und grausam von den Wanzen gebissen;
Ich ward bedrängt von schwarzen Sorgen,
Ich mußte lügen, ich mußte borgen
Bei reichen Buben und alten Vetteln -
Ich glaube sogar, ich mußte betteln.
Jetzt bin ich müd' vom Rennen und Laufen,
Jetzt will ich mich im Grabe verschnaufen.
Lebt wohl! Dort oben, ihr christlichen Brüder,
Ja, das versteht sich, dort sehn wir uns wieder.

Heinrich Heine

 

 

 

Letztes Gedicht

Wenn quälend mich die Angst beschleicht,
Mein Teuerstes auf Erden,
Mein Liebstes könnte mir vielleicht
Einst noch entrissen werden;
Dann tröstet der Gedanke mich:
»Weshalb davor erbeben?
Dies große Leid vermöchte ich
Ja nicht zu überleben.«

Die Hoffnung, die sich in dir regt,
Bevor du ihrer dich entschlagen,
Daß keinem werde auferlegt
So viel als er kann tragen.
Wie groß das Leid, wie tief die Not,
Du wirst dich d'rein ergeben,
Und was dir bitt'rer als der Tod,
Du wirst es überleben.

Betty Paoli

 

 

 

 

Alle Menschen seh ich leben...

 

Alle Menschen seh ich leben
Viele leicht vorüberschweben
Wenig mühsam vorwärtsstreben
Doch nur Einem ist's gegeben
Leichtes Streben, schwebend leben.

Wahrlich der Genuß ziemt Toren
In der Zeit sind sie verloren
Gleichen ganz den Ephemeren
In dem Streit mit Sturm und Wogen
Wird der Weise fortgezogen
Kämpft um niemals aufzuhören
Und so wird die Zeit betrogen
Endlich unters Joch gebogen
Muß des Weisen Macht vermehren.

Ruh' ist Göttern nur gegeben
Ihnen ziemt der Überfluß
Doch für uns ist Handeln Leben
Macht zu üben nur Genuß.

Novalis

 

 

 

 

Schwesterlein, Schwesterlein,
Wann gehn wir nach Haus?
Morgen, wenn die Hahnen krähn,
Woll'n wir nach Hause gehn,
Brüderlein, Brüderlein,
Dann geh'n wir nach Haus.

 

Schwesterlein, Schwesterlein,
Wann geh'n wir nach Haus?
Morgen, wenn der Tag anbricht,
Eh' endet die Freude nicht,
Brüderlein, Brüderlein,
Der fröhliche Braus.

Schwesterlein, Schwesterlein,
Wohl ist es Zeit?
Mein Liebster tanzt mit mir.
Geh' ich, tanzt er mit ihr.
Brüderlein, Brüderlein,
Laß du mich heut.

Schwesterlein, Schwesterlein,
Was bist du blaß?
Das macht der Morgenschein
Auf meinen Wängelein,
Brüderlein, Brüderlein,
Die vom Thaue naß.

Schwesterlein, Schwesterlein,
Du wankest so matt?
Suche die Kammerthür,
Suche mein Bettlein mir,
Brüderlein, es wird fein
Unter'm Rasen seyn.

Anton Wilhelm Florentin von Zuccalmaglio

 

 

 

Begrabe deine Toten

Begrabe deine Toten
Tief in dein Herz hinein;
So werden sie dein Leben
Lebend'ge Tote sein.

So werden sie im Herzen
Stets wieder auferstehn,
Als gute, lichte Engel
Mit dir durchs Leben gehn.

Begrab' dein eigen Leben
In anderer Herz hinein;
So wirst du, und bist du ein Toter,
Ein ewig Lebender sein.

Karl Siebel

 

 

 

Lange hab' ich mich gesträubt,
Endlich gab ich nach;
Wenn der alte Mensch zerstäubt,
Wird der neue wach.
Und so lang du dies nicht hast,
Dieses "Stirb und werde",
Bist du nur ein trüber Gast
Auf der dunklen Erde.

Johann Wolfgang von Goethe

 

 

 

Aussicht

Komm zum Garten denn, du Holde!
In den warmen, schönen Tagen
Sollst du Blumenkränze tragen,
Und vom kühl kristallnen Golde
Mit den frischen, roten Lippen,
Eh ich trinke, lächelnd nippen.
Ohne Maß dann, ohne Richter,
Küssend, trinkend singt der Dichter
Lieder, die von selbst entschweben:
Wunderschön ist doch das Leben!

Joseph Karl Benedikt Freiherr von Eichendorff

 

 

Der Weise wünscht, er wäre nie geboren,
Ihn hätte nie im Erdenfrost gefroren
Und niemals ihn die Glut der Welt versengt;
Unheil nur wird durch die Geburt verhängt;
Nur Wechsel herrscht und Trübsal hier auf Erden:
Drum ist es besser, nicht gezeugt zu werden.

Abdul Kasim (Abu’l-Qāsim) Firdausi

 

 

 

Und auf einmal steht es neben dir

 

Und auf einmal merkst du äußerlich:
Wieviel Kummer zu dir kam,
Wieviel Freundschaft leise von dir wich,
Alles Lachen von dir nahm.

Fragst verwundert in die Tage.
Doch die Tage hallen leer.
Dann verkümmert deine Klage…
Du fragst niemanden mehr.

Lernst es endlich, dich fügen,
Von den Sorgen gezähmt.
Willst dich selber nicht belügen
Und erstickst es, was dich grämt.

Sinnlos, arm erscheint das Leben dir,
Längst zu lange ausgedehnt –
Und auf einmal – : Steht es neben dir,
An dich angelehnt –
Das, was du so lange ersehnt.

Joachim Ringelnatz

 

 

 

Lied

Oft, wenn wir lang im Dunkel schweifen
Durch eine tiefverhüllte Nacht,
Dann werden uns die Purpurstreifen
Aurorens plötzlich angefacht.

Verzweifle keiner an den Wegen,
Die das Verhängnis mächtig geht,
Sie bringen uns dem Glück entgegen,
Das wunderbar am Ziele steht.

Und hat dich Mißgeschick betroffen,
Und hat dich mancher Schmerz verletzt,
Hör dennoch nimmer auf zu hoffen,
Und die Erfüllung naht zuletzt.

Es quälen uns so manche Plagen,
Eh' uns der Götter Gunst beglückt,
Wir müssen manche Dornen tragen,
Eh' uns der Kranz der Freude schmückt.

So wechselt's in den ird'schen Dingen,
Das ist der Fluch der flücht'gen Zeit,
Und will ich morgen fröhlich singen,
So muß ich kläglich weinen heut.

Zwar kommt Erhörung oft geschritten
Mit ihrer himmlischen Gewalt,
Doch dann erst hört sie unsre Bitten,
Wenn unsre Bitten lang verhallt.

August Graf von Platen Hallermund

 

 

Hörtest du denn nicht hinein,
Daß Musik das Haus umschlich?
Nacht war schwer und ohne Schein,
Doch der sanft auf hartem Stein
Lag und spielte, das war ich.

Was ich konnte, sprach ich aus:
»Liebste Du, mein Alles Du!«
Oestlich brach ein Licht heraus,
Schwerer Tag trieb mich nach Haus
Und mein Mund ist wieder zu.

Hugo von Hofmannsthal

 

 

 

Was will ich mehr!

Noch halt mit beiden Händen ich
Des Lebens schöne Schale fest,
Noch trink und kann nicht enden ich
Und denk nicht an den letzten Rest.

»Doch einmal wird die Schale leer,
Die letzte Neige schlürftest du.«
So trank ich doch, was will ich mehr,
Dem Tod ein volles Leben zu.

Gustav Falke

 

 

 

So ist des Menschen Treiben: heute sprießen
Der Hoffnung zarte Knospen, morgen blüh'n sie
Und kleiden ihn in dichten Blumenschmuck,
Und übermorgen, tötlich, kommt der Frost,
Und wenn er wähnt, der gute sichre Mann,
Die Größe reife, – nagt ihm der die Wurzel
Und fällt ihn.

William Shakespeare

 

 

 


Von meinem Erdenleben
Soll nichts mehr bleiben als ein Jubelton,
Der im Sonnengold verschwimmt
Und dessen Widerhall
Die Herzen der Erdenpilger
Zu Dank und Andacht stimmt!

Rudolf von Tavel

 

 

 

Leben, Traum und Tod

Leben, Traum und Tod ...
Wie die Fackel loht!
Wie die Erzquadrigen
Über Brücken fliegen,
Wie es drunten saust,
An die Bäume braust,
Die an steilen Ufern hängen,
Schwarze Riesenwipfel aufwärts drängen ...

Leben, Traum und Tod ...
Leise treibt das Boot ...
Grüne Uferbänke
Feucht im Abendrot,
Stiller Pferde Tränke,
Herrenloser Pferde ...
Leise treibt das Boot ...

Treibt am Park vorbei,
Rote Blumen, Mai ...
In der Laube wer?
Sag, wer schläft im Gras?
Gelb Haar, Lippen rot?
Leben, Traum und Tod.

Hugo von Hofmannsthal

 

 

 

Ich trage still,
Weil ich nicht will,
Daß man mich höre klagen;
Ich trag allein,
Die Last ist mein,
Kein andrer soll sie tragen.

Ich habe bis auf diesen Tag
Soviel getragen Schmerz und Pein;
Ich hoffe, was da kommen mag,
Es wird nun auch zu tragen sein.

Friedrich Rückert

 

 

 

 

Das Leben ist nur eine Schlacht!
Es sausen rechts und links
In leichtem Tanz vorüber die Geschosse
Wie Bälle, die ein spielend Schicksal schlägt.
Wer erst die Kugel tief im Herzen trägt,
dem gilt es gleich,
Von welchem Feind sie kommt.

 

Rudolf von Gottschall

 

 

 

Die Seiltänzer

Sie gehen über den gespannten Seilen
Und schwanken manchmal fast, als wenn sie fallen.
Und ihre Hände schweben über allen,
Die flatternd in dem leeren Raum verweilen.

Das Haus ist überall von tausend Köpfen,
Die wachsen aus den Gurgeln steil, und starren
Wo oben hoch die dünnen Seile knarren.
Und Stille hört man langsam tröpfeln.

Die Tänzer aber gleiten hin geschwinde
Wie weiße Vögel, die die Wandrer narren
Und oben hoch im leeren Bäume springen.

Wesenlos, seltsam, wie sie sich verrenken
Und ihre großen Drachenschirme schwingen,
Und dünner Beifall klappert auf den Bänken.

Georg Heym

 

 

 

So spricht das Leben:
Die Welt ist mein,
Mich preisen die Blumen und Vögelein,
ich bin der Tag und der Sonnenschein.
So spricht das Leben:
Die Welt ist mein.

So spricht der Tod:
Die Welt ist mein.
Dein Leuchten ist nur eitel Pracht,
Senkt Stern und Mond in ewige Nacht.
So spricht der Tod:
Die Welt ist mein.

So spricht das Leben:
Die Welt ist mein,
und machst du Särge aus Marmelstein,
Kannst doch nicht sargen die Liebe ein.
So spricht das Leben:
Die Welt ist mein.

So spricht der Tod:
Die Welt ist mein.
Ich habe ein großes Grab gemacht,
ich habe die Pest und den Krieg erdacht.
So spricht der Tod:
Die Welt ist mein.

So spricht das Leben:
Die Welt ist mein,
Ein jedes Grab muß ein Acker sein,
Mein ewiger Samen fällt hinein.
So spricht das Leben:
Die Welt ist mein.

Unbekannt

 

 

Antwort

Du fragst mich, liebe Kleine,
Warum ich sing und weine,
Du fragest, was mich schmerzt?
Ich habe den Lenz versäumet,
Ich habe die Jugend verträumet,
Ich habe die Liebe verscherzt.

Mir schwoll der Becher am Munde,
Ich hatte nicht Durst zur Stunde,
Ich ließ vorüber ihn gehn.
Mir winkt' im grünen Laube
Granate, Feig' und Traube,
Doch hab' ich sie lassen stehn.

Und als nun kam der Abend,
Die Sonn' im Glanz begrabend,
Da war mein Durst erwacht;
Aber der Becher der Wonnen,
Die Früchte waren zerronnen,
Und dunkelte rings die Nacht.

Die Welt hat mich verlassen;
Nun sing ich auf den Gassen
Mein Lied, wie tief es schmerzt:
Ich habe den Lenz versäumet,
Ich habe die Jugend verträument,
Ich habe die Liebe verscherzt.

Emanuel Geibel

 

 

 

Das ist im Leben häßlich eingerichtet,
Daß bei den Rosen gleich die Dornen stehn,
Und was das arme Herz auch sehnt und dichtet,
Zum Schlusse kommt das Voneinandergehn.
In deinen Augen hab' ich einst gelesen,
Es blitzte drin von Lieb' und Glück ein Schein:
Behüt' dich Gott! es wär' zu schön gewesen,
Behüt' dich Gott, es hat nicht sollen sein! –

Leid, Neid und Haß, auch ich hab' sie empfunden,
Ein sturmgeprüfter müder Wandersmann.
Ich träumt' von Frieden dann und stillen Stunden,
Da führte mich der Weg zu dir hinan.
In deinen Armen wollt' ich ganz genesen,
Zum Danke dir mein junges Leben weihn:
Behüt' dich Gott! es wär' zu schön gewesen,
Behüt' dich Gott, es hat nicht sollen sein! –

Die Wolken fliehn, der Wind saust durch die Blätter,
Ein Regenschauer zieht durch Wald und Feld,
Zum Abschiednehmen just das rechte Wetter,
Grau wie der Himmel steht vor mir die Welt.
Doch wend' es sich zum Guten oder Bösen,
Du schlanke Maid, in Treuen denk' ich dein!
Behüt' dich Gott! es wär' zu schön gewesen,
Behüt' dich Gott, es hat nicht sollen sein! –

Joseph Victor von Scheffel

 

 

 

 

Aus deinem Auge wisch die Trän
Sei stolz und laß die Klage;
Wie dir wird's manchem noch ergehn
Bis an das End' der Tage.

Noch manch ein Rätsel ungelöst
Ragt in die Welt von heute,
Doch ist dein sterblich Teil verwest,
So kommen andre Leute.

Die Falten um die Stirne dein
Laß sie nur heiter ranken;
Das sind die Narben, die darein
Geschlagen die Gedanken.

Und wird dir auch kein Lorbeerreis
Als Schmuck darum geflochten:
Auch der sei stolz, der sonder Preis
Des Denkens Kampf gefochten.

Joseph Victor von Scheffel

 

 

 

 

Am Morgen

Du rechte Morgensonne meines Lebens,
O leuchte mir denn heute nicht vergebens,
Sei du mein Licht, wenn ich im Dunkeln steh',
Umleuchte mich mit Heil und Glanz und Wonne,
Daß ich mit Freuden in die Abendsonne
Am Ende meiner Erdenwallfahrt seh'.

Karl Johann Philipp Spitta

 

 

Bös und gut

Wie kam ich nur aus jenem Frieden
Ins Weltgetös?
Was einst vereint, hat sich geschieden,
Und das ist bös.

Nun bin ich nicht geneigt zum Geben,
Nun heißt es: Nimm!
Ja, ich muß töten, um zu leben,
Und das ist schlimm.

Doch eine Sehnsucht blieb zurücke,
Die niemals ruht.
Sie zieht mich heim zum alten Glücke,
Und das ist gut.

Wilhelm Busch

 

 

 

 

Es ist nicht Selbstsucht und nicht Eitelkeit,
Was sehnend mir das Herz gradüber trägt;
Was mir die kühngeschwungene Brücke schlägt,
Ist wohl der Stolz, der mich vom Staub befreit.

Sie ist so eng, die grüne Erdenzeit,
Unendlich aber, was den Geist bewegt!
Wie wenig ist's, was ihr im Busen hegt,
Da ihr so satt hier, so vergnüglich seid!

Gottfried Keller

 

 

 

Form ist Wollust

Form und Riegel mußten erst zerspringen,
Welt durch aufgeschlossne Röhren dringen:
Form ist Wollust, Friede, himmlisches Genügen,
Doch mich reißt es, Ackerschollen umzupflügen.
Form will mich verschnüren und verengen,
Doch ich will mein Sein in alle Weiten drängen -
Form ist klare Härte ohn' Erbarmen,
Doch mich treibt es zu den Dumpfen, zu den Armen,
Und in grenzenlosem Michverschenken
Will mich Leben mit Erfüllung tränken.

Prof. Dr. Ernst Maria Richard Stadler

 

 

 

 

Einem Tagelöhner

Lange Jahre sah ich dich
führen deinen Spaten,
und ein jeder Schaufelstich
ist dir wohl geraten.

Nie hat dir des Lebens Flucht
bang gemacht, ich glaube –
sorgtest für die fremde Frucht,
für die fremde Traube.

Nie gelodert hat die Glut
dir in eignem Herde,
doch du fußtest fest und gut
auf der Mutter Erde.

Nun hast du das Land erreicht,
das du fleißig grubest,
laste dir die Scholle leicht,
die du täglich hubest!

Conrad Ferdinand Meyer

 

 

 

Anrede

Ich bin nur Flamme, Durst und Schrei und Brand.
Durch meiner Seele enge Mulden schießt die Zeit
Wie dunkles Wasser, heftig, rasch und unerkannt.
Auf meinem Leibe brennt das Mal: Vergänglichkeit.

Du aber bist der Spiegel, über dessen Rund
Die großen Bäche alles Lebens geh'n,
Und hinter dessen quellend gold'nem Grund
Die toten Dinge schimmernd aufersteh'n.

Mein Bestes glüht und lischt – ein irrer Stern,
Der in den Abgrund blauer Sommernächte fällt –
Doch deiner Tage Bild ist hoch und fern,
Ewiges Zeichen, schützend um dein Schicksal hergestellt.

Prof. Dr. Ernst Maria Richard Stadler

 

 

 

Viele Wege geh'n durch den Wald,
wer nicht Bescheid weiß, verirrt sich bald;
viele Wege auch durchs Leben geh'n –
mußt immer den dir auserseh'n,
ob mancher auch sonst dich locken möchte,
von dem das Herz sagt: das ist der rechte!

Johannes Trojan

 

 

 

Wer in der Brust ein wachsendes Verlangen
Nach schönen Augen fühlt und schönen Haaren,
Den mahn ich ab, der nur zu viel erfahren
Von Schmerz und Qual durch eitles Unterfangen.

Dem jähen Abgrund nur mit Not entgangen,
Was bleib mir aus unendlichen Gefahren?
Im Aug die Spur von hingeweinten Jahren,
Und in der Brust ein ungeheures Bangen.

Naht nicht der jähen Tiefe, junge Herzen!
Des Ufers Liljen glühn von falschem Feuer,
Denn ach, sie locken in das Meer der Schmerzen!

Nur Jenen ist das Leben schön und teuer,
Die frank und ungefesselt mit ihm scherzen,
Und ihnen ruft ein Gott: Die Welt ist euer.

August Graf von Platen Hallermund

 

 

Was ich soll?
Wer löst mir je die Frage?
Was ich kann?
Wer gönnt mir den Versuch?
Was ich muß?
Vermag ich's ohne Klage?
So viel Arbeit
Um ein Leichentuch!

August Graf von Platen Hallermund

 

 

 

 

Die Winterwasser rauschen,
dem Bache muß ich lauschen,
der unterm Brückstein quillt;
so rauscht das junge Leben
und will das Schicksal heben
und gurgelt so und schwillt;
die Quadern bleiben liegen,
das Wasser muß sich schmiegen,
und schäumt's auch noch so wild.

Karl Friedrich Henckell

 

 

Der Schenken Lärm, des Dammes glatter Schlamm,
Auf schwarzer Straße blattlos Stamm nach Stamm –
Der Omnibus, Orkan aus Eisen, schrillt
Heran, von den vier Rädern schief umquirlt,
Schmeißt Schmutz und dreht die Augen grün und rot,
Arbeiter waten schlüpfrig durch den Kot
Und rauchen Polizisten ins Gesicht,
Es tropft und trieft und Dach und Asphalt bricht
Von Wassern, die der Ausguß rückwärts stieß –
Mein Weg! Am Ende liegt das Paradies.

Paul Verlaine

 

 

 

Drachenhort

Es reift am Lebensbaum in immer neuer
Und wechselnder Gestalt wohl manche Frucht,
Doch drunter wacht ein mächtig Ungeheuer,
Das lauert tückisch, ob der Mensch versucht
Nach jenem Schatz die kühne Hand zu heben!
Es lächelt hämisch, wenn er kämpft und ringt...
O laß die Frucht! Du wirst sie nie erstreben,
Weil stets das Ungeheuer sie verschlingt.
Die gold'nen Früchte nennt man: Lebensglück,
Das Ungeheuer aber Mißgeschick!

Eugenie Marlitt

 

 

 

An dem Ende seiner Tage
Steht der Kater Hiddigeigei,
Und er denkt mit leiser Klage,
Wie sein Dasein bald vorbei sei.

Möchte gerne aus dem Schatze
Reicher Weisheit Lehren geben,
Dran in Zukunft manche Katze
Haltpunkt fänd' im schwanken Leben.

Ach, der Lebenspfad ist holpernd,
– Liegen dort so manche Steine,
Dran wir Alte, schmählich stolpernd,
Oftmals uns verrenkt die Beine.

Ach, das Leben birgt viel Hader
Und schlägt viel unnütze Wunden,
Mancher tapfre schwarze Kater
Hat umsonst den Tod gefunden.

Doch wozu der alte Kummer,
Und ich hör' die Jungen lachen,
Und sie treiben's noch viel dummer,
Schaden erst wird klug sie machen.

Fruchtlos stets ist die Geschichte;
Mögen sehn sie, wie sie's treiben! –
Hiddigeigeis Lehrgedichte
Werden ungesungen bleiben.

Joseph Victor von Scheffel

 

 

Schreckhaft

Nachdem er am Sonntagmorgen
Vor seinem Spiegel gestanden,
Verschwanden die letzten Sorgen
Und Zweifel, die noch vorhanden.
Er wurde so verwegen,
Daß er nicht länger schwankte.
Er schrieb ihr. Sie dagegen
Erwidert: Nein! Sie dankte.

Der Schreck, den er da hatte,
Hätt' ihn fast umgeschmissen,
Als hätt' ihn eine Ratte
Plötzlich ins Herz gebissen.

Wilhelm Busch

 

 

 

Lied des Dichters

Sonnenschein und Blumenbeete,
Alle Blüten sind ja dein!
Denk' nicht dran, wie oft verwehte,
Was so schön im Frühlingsschein!
Weiß und rote Apfelblüten
Breiten über dich ihr Zelt;
Kümmert's dich, daß Stürme wüten
Und die Pracht zu Boden fällt?

Willst du gar nach Früchten fragen
In des Baumes Blütezeit?
Warum seufzen, warum klagen?
Kommt ja ohnehin das Leid!
Mögen bied're Vogelscheuchen
Klappern doch auf ihrer Stang',
Schöner als ein ängstlich Keuchen
Klingt ein lust'ger Vogelsang.

Warum nur den Sperling jagen
Von dem reichen Apfelbaum?
Mag als Sanglohn ihm behagen,
Daß dein Hoffen blieb ein Traum?
Glaube, du gewinnst beim Tausche,
Hast du statt der Frucht Gesang;
Denke, daß die Zeit verrausche! –
Auch die Jugend währt nicht lang.

Ich will leben, ich will singen,
Bis die letzte Hecke kahl.
Mag, wer will den Acker düngen
Mit den Blättern, gelb und fahl!
Auf den Zaun denn! draußen schimmert's,
Jedes Tierlein sucht sein Fest;
Mir die Blumen; wen bekümmert's,
Wer da nimmt den toten Rest!

Henrik Ibsen

 

 

 

Zukunft

Wie auf ausgespannten Sturmesschwingen
Eilt der Augenblick! – Den Flug der Zeit
Hemmt kein Wunsch; des Herzens bange Stunden
Schwinden hin, wie seine Seligkeit!

Weh den Armen, dessen trüben Sinnen
Der Sekunde Glück vergebens blüht,
Dem beim leisen Frühlingswehn der Freude
Nicht entzückt die blasse Wange glüht!

Denn ach! bald verrauscht wie Morgenträume
Unser Leben, und der Vorhang sinkt.
Wir erwachen; – neue fremde Szenen
Warten unser, wo kein Leitstern winkt.

Welche dunkle, unbekannte Gegend
Jenes fremden Landes, wo noch nie,
Nie ein Pilger wiederkehrte, müssen
Wir durchwandeln? Wer beschreibt uns sie?

Ewigkeit! Vernichtung! – zwischen beiden
Bleibt der Sterbliche betroffen stehn,
Harrt, daß ihm an der Erfahrung Grenze
Soll ein höh'rer Strahl entgegenwehn.

Sophie Mereau

 

 

 

Blasse Menschen seh' ich wandeln,
Und die Klag' tönt allerorten:
»Schal ist unser Tun und Handeln,
Siech und alt sind wir geworden.«

Wollt' euch nie bei euerm Forschen
Die uralte Mär erklingen
Von dem Brunn, darin die morschen
Knochen wundersam sich jüngen?

Und der Brunn ist keine Dichtung,
Fließt so nah vor euren Toren,
Euch nur mangelt Weg und Richtung,
Ihr nur habt die Spur verloren.

Drauß im Wald, im grünen, heitern,
Wo die Menschenstimmen schweigen,
Wo auf duft'gen Farrenkräutern
Nächtlich schwebt der Elfenreigen:

Dort, versteckt von Stein und Moose,
Rauschet frisch und hell die Welle,
Dort entströmt der Erde Schoße
Ewig jung die Wunderquelle.

Dort, umrauscht von Waldesfrieden,
Mag der kranke Sinn gesunden,
Und des Lenzes junge Blüten
Sprossen über alten Wunden.

Joseph Victor von Scheffel

 

 

 

 

Das Leben ist ein Gänsespiel:
Je mehr man vorwärts gehet,
Je früher kommt man an das Ziel,
Wo niemand gerne stehet.

Man sagt, die Gänse wären dumm;
O, glaubt mir nicht den Leuten:
Denn eine sieht einmal sich 'rum,
Mich rückwärts zu bedeuten.

Ganz anders ist's in dieser Welt,
Wo alles vorwärts drücket;
Wenn einer stolpert oder fällt,
Keine Seele rückwärts blicket.

Johann Wolfgang von Goethe

 

 

 

Und ich darf noch

Hie und da, dann und wann
Ein Wehweh. Doch im Ganzen:
Ich, der ich nicht tanzen kann,
Sehe gern andere tanzen.

Noch immer in Arbeit gestellt
Und die Arbeit genießend,
Finde ich dich, ausstudierte Welt,
Immer neu fließend.

Gehe durch die Straßen einer Stadt,
Um Dinge herum, die stinken.
Was Beine oder keine Beine hat,
Kann blinken oder winken.

Ich kann einen Pflasterstein,
Der am Rinnstein liegt, aufheben.
O schönes Auferdensein!
Und ich darf noch leben.

Joachim Ringelnatz

 

 

 

Wie manchen Blick du frei und freier
In's Walten der Natur getan,
Auf's neue hinter jedem Schleier
Sieht doch die alte Sphinx dich an.

Du kannst ihr nimmer Antwort geben,
Wenn sie die letzte Frag' entbot;
Ein ewig Rätsel ist das Leben,
Und ein Geheimnis bleibt der Tod.

Emanuel Geibel

 

 

 

Erdenleben

Nicht ganz zum Glück, nicht ganz bestimmt zum Leiden
Ist uns die Welt; Bekümmernis und Freuden
Besuchen wechselnd unsern Pilgergang.
Ein Mittelstand von Himmel und von Hölle
War unser Los, und diese Prüfungsstelle
Entheiligt Murren mehr, als fröhlicher Gesang.

Leopold August Unzer

 

 

 

Im Concert

Die traurige Kindheit,
Des Vaters Tod.
Der Jugend Blindheit,
Die herbe Noth,
Die Wintertage,
Das dünne Kleid,
Die Sorg' und Plage,
Das Seelenleid …
Die Gleichgiltigkeit,
Die schwer wie Erz,
Die schmerzlose Zeit –
Die mehr als Schmerz …
Das alles wogte,
Wieder vorbei,
Mit leisem Schluchzen
Und dumpfem Schrei,
Als deine Hand
Durch die Saiten glitt –
— — —
O, wie ich litt! –

Ada Christen

 

 

 

Nicht genug!

Lebenswogen,
Kaum verzogen,
Was ich ringend je ertrug:
Neue wollen
Mich umrollen,
's ist noch lange nicht genug.

Schicksalsschmiede,
Drin zum Liede
Stark der Hammer auf mich schlug:
Frische Hitze,
Funkenblitze!
's ist noch lange nicht genug.

Karl Friedrich Henckell

 

 

 

Still und hell ist mein Gemüt,
Wie im Herbst ein Sonnentag,
Und doch fühl' ich, daß im Innern
Wie durch Lenzes Zauberschlag
Eine junge Schöpfung blüht.

Hast du noch nicht ausgeglüht,
Meiner Jugend Sonnenschein,
Und wenn jetzt der Winter käme,
Würd' er mir in Blüten schnein,
Wie im ewigjungen Süd?

Ach, und meiner Flügel Schwung
War so traurig schon gelähmt!
Denn ich habe sterben sehen;
Und nun fühl' ich fast beschämt
Mir zum Leben Mut genung.

Wäre nicht Erinnerung,
Schiene Traum, was Leben war!
Aber wen die Götter lieben,
Stirbt er auch in grauem Haar,
Dennoch stirbt er ewigjung.

Paul von Heyse

 

 

 

 

Über den Dächern

Über den Dächern
schwebt Rauch
und ein sanftes Gebimmel
klingt von den Türmen der Stadt.
Meine Sehnsucht fliegt in den Himmel.
Wie es durch das Fenster zieht ...!

Wozu arbeiten?
Wozu tätig sein?
Wozu in Versammlungen gehn?
Ich habe nur meine beiden Hände.
Was steht am Ende –?
Das habe ich an Vater gesehen.
Wie es durch das Fenster zieht ...!

Diese Dachkammer hat der alte Mann.
Dafür fünfundfünfzig Jahre
Arbeit, keinen Tag Urlaub,
Sorgen und graue Haare.
Meine Gedanken hängen am Horizont –

Wo ist unser Glück ...?
Und da kommen plötzlich alle meine Gedanken zurück.
Gleich springe ich auf die Beine
und werfe die Arme um den Leib,
weil mich friert ...
Ich bin nicht mehr allein.

Wir sind stark, wenn wir zusammenhalten:
die Starken und Schwachen, die Jungen und Alten.
Wenn nur der Wille fest bleibt und unsere Partei.
Da bin ich dabei.
Noch einmal sehe ich über die Stadt
und die Dächer ...
Schon mancher hat mit trocken Brot und armseligem Essen
in so einer zugigen Dachkammer gesessen.
Mancher, der nachher ein Reich erobert hat.

Kurt Tucholsky

 

 

 

Ist mir oft der Wunsch gekommen
Abzuschütteln diese Glieder,
Dieses Herz voll Sturm und Wunden –
Seid mir theuer, bittre Stunden,
Aber kehret niemals wieder!

Kannst du zwischen Zeilen lesen,
Steht es flammend dir geschrieben:
Nur der Wahnsinn flucht dem Leben,
Nur den Thoren macht es beben –
Wers begriffen, wird es lieben.

Ludwig Eichrodt

 

 

 

 

Leben

Schaumgekrönter Überschwang,
Roter Blütenrausch –
Melancholischer Gesang,
Welkes Blattgerausch.

Silberheller Jubelchor,
Jauchzen Berg zu Tal –
Stilles Schluchzen, schwarzer Flor,
Schütternder Choral.

Mir ein süßer Herzenswahn,
Dir ein bittrer Hohn –
Heute winkt ein Kanaan,
Morgen ist's entflohn ...

Karl Friedrich Henckell

 

 

 

Volksweise

Was ist es mit dem Leben
Doch für 'ne arge Not,
Muß leiden und muß sterben
Zuletzt den bittern Tod.

Kam ich doch auf die Erden
Ganz ohne Wunsch und Will',
Ich weiß es nicht von wannen
Und kenn' nicht Zweck und Ziel.

Es tritt die bunten Auen
Nur einmal unser Fuß,
Für kurze Zeit nur tauschen
Wir Händedruck und Gruß.

Und was uns auch von Freuden
Und Leiden zugewandt,
Das mehret und das mindert
Sich unter Menschenhand.

Drum lasset uns in Freundschaft
Einander recht verstehn
Die kurze Strecke Weges
Die wir zusammen gehn!

Ludwig Anzengruber

 

 

 

Lebensüberfluß

Rauschende Bäche quellenden Lebens,
Tönet wie Lieder in meine Ruh!
Sehet, erfüllt ist's: nimmer vergebens
Schau' ich in Sehnsucht den Wellen zu.
Draußen in sommerdämmernder Laube
Wiegt die holde Geliebte mein Kind,
Hoch an dem Dache reift mir die Traube,
Goldne Fäden die Parze spinnt.
Schwellende Segel auf ruhigen Wogen
Bringen mir Gäste, Früchte und Fracht;
Meine Auen sind bienenumflogen,
Nachtigallen singen bei Nacht.
Rauschende Bäche quellenden Lebens,
Spült ihr mich fort einst in Wogenschaum,
Singen dann will ich: nicht vergebens
Hab' ich geträumt den irdischen Traum!

Julius Waldemar Grosse

 

 

 

Das Vöglein

Vöglein, Vöglein mit den Schwingen,
Mit den Äuglein schwarz und klein,
Laß uns mit einander singen,
Laß uns liebe Freunde sein!

Vöglein hüpfte auf den Bäumen,
Endlich es mit Sang begann:
Du kannst nur von Freiheit träumen,
Dich seh' ich als Fremdling an!

Mensch, auch Du hast Deine Schwingen,
Äuglein klar und hell und rein,
Könntest Freiheit dir erringen,
Dann erst laß uns Freunde sein!

Friederike Kempner

 

 

 

Hälfte des Lebens

Mit gelben Birnen hänget
und voll mit wilden Rosen
das Land in den See,
ihr holden Schwäne,
und trunken von Küssen
tunkt ihr das Haupt
ins heilignüchterne Wasser.

Weh mir, wo nehm' ich, wenn
es Winter ist, die Blumen, und wo
den Sonnenschein
und Schatten der Erde?
Die Mauern stehn
sprachlos und kalt, im Winde
klirrren die Fahnen.

Johann Christian Friedrich Hölderlin

 

 

 

Rückkehr

Zuckt nicht die Achseln, grüßt nicht so höhnisch
Und wendet euch nicht spöttisch ab!
Ich will kein Geld von euch entlehnen,
Will nicht zurück, was ich euch gab.

Nicht euern Liebsten mehr gefährlich
Bin ich und nimmer eurem Ruhm;
Der Kummer nahm mir meine Schönheit
Und all mein Unglück macht mich dumm.

Ich komm' zu euch, weil fortgetrieben
Vom sichern Strand mein Lebensschiff;
Ganz soll es scheitern, darum lenk' ich's
Zurück zu euch –: ihr seid das Riff!

Ada Christen

 

 

 

Lebensfahrt

Ein Lachen und Singen! Es blitzen und gaukeln
Die Sonnenlichter. Die Wellen schaukeln
Den lustigen Kahn. Ich saß darin
Mit lieben Freunden und leichtem Sinn.

Der Kahn zerbrach in eitel Trümmer,
Die Freunde waren schlechte Schwimmer,
Sie gingen unter, im Vaterland;
Mich warf der Sturm an den Seinestrand.

Ich hab ein neues Schiff bestiegen,
Mit neuen Genossen; es wogen und wiegen
Die fremden Fluten mich hin und her –
Wie fern die Heimat! mein Herz wie schwer!

Und das ist wieder ein Singen und Lachen –
Es pfeift der Wind, die Planken krachen –
Am Himmel erlischt der letzte Stern –
Wie schwer mein Herz! die Heimat wie fern!

Heinrich Heine

 

 

Seltsame Genossen

Ist das ein seltsamliches Gewander:
Ihr schrittet noch eben vergnügt miteinander
durch Wälder und Wiesen und Sonnenschein,
du siehst dich um – da gehst du allein.

Er blieb zurück am Weggelände,
das Wort auf den Lippen, er sprach's nicht zu Ende;
ein wunderlich Gebaren, und doch
scheint deins verwunderlicher noch.

Ganz ruhig gehst des Weges du weiter,
hast schnell einen andern vergnügten Begleiter,
und fröhlich wieder zieht ihr drein
durch Wälder und Wiesen und Sonnenschein.

So geht's eine Weile, das seltsame Wandern:
Dann kommt es an dich, dann hörst du die andern
noch weiter lachen ins sonnige Land,
und du bleibst einsam am Wegesrand.

Wilhelm Jensen

 

 

 

Es fliegt der ruderschnelle Nachen
Den Strom hinunter leicht und stet,
Nur an der Ufer raschem Wechsel
Bemerkst du, daß es vorwärts geht.

So fliegt dein Leben leicht und munter
Den glatten Strom der Zeit hinunter,
Nur an dem Sterben der Genossen
Bemerkst du, daß es vorwärts geht.

Verfasser unbekannt

 

 

 

 

Willst du im Leben Kraft und Muth behalten,
Schau über dich!
Willst träumen du von irdischen Gewalten,
Schau unter dich!
Willst du am eig'nen Herd nicht mühsam schalten,
Schau um dich!
Und soll dein Herz nicht allzufrüh erkalten,
Schau in dich!

Pius Alexander Wolff

 

 

 

»Wann endlich«, dacht' ich, »sinnlos-blödes Spiel,
Wirst du dich enden? Auf und ab und auf
Wiegt seit Äonen sich die Lebensschaukel;
Auf einer Seite staunend sitzt das Leben,
Und auf der andern grinsend wippt der Tod –
Und auf und ab, stumpfsinnig, wird die Wippe
Durch Ewigkeiten gehn. Wo lebt der Gott,
Den dieses grause Einerlei vergnügt?
Der ärmste Menschengeist, er hätte längst
Voll Überdruß und Ekel dieses Spielzeug
Zertrümmert –!«

Otto Ernst

 

 

 


Lieben, Hassen, Hoffen, Zagen,
Alle Lust und alle Qual,
Alles kann ein Herz ertragen,
Einmal um das andere Mal.

Aber weder Lust noch Schmerzen,
Abgestorben auch der Pein,
Das ist tödlich deinem Herzen,
Und so darfst du mir nicht sein!

Mußt dich aus dem Dunkel heben,
Wär es auch um neue Qual,
Leben mußt du, liebes Leben,
Leben noch dies eine Mal!

Hugo von Hofmannsthal

 

 

 

 

Lebenslauf

Größeres wolltest auch du, aber die Liebe zwingt
all uns nieder, das Leid beuget gewaltiger,
doch es kehret umsonst nicht
unser Bogen, woher er kommt!

Aufwärts oder hinab! herrschet in heilger Nacht,
wo die stumme Natur werdende Tage sinnt,
herrscht im tiefesten Orkus
nicht ein Grades, ein Recht noch!

Dies erfuhr ich. Denn nie, sterblichen Meistern gleich,
habt ihr Himmlischen, ihr Alleserhaltenden,
daß ich wüßte, mit Vorsicht
mich des ebenen Pfads geführt.

Alles prüfe der Mensch, sagen die Himmlischen,
daß er, kräftig genährt, danken für Alles lern
und verstehe die Freiheit,
aufzubrechen, wohin er will.

Johann Christian Friedrich Hölderlin

 

 

 

Dankbares Leben

Wie schön, wie schön ist dieses kurze Leben,
Wenn es eröffnet alle seine Quellen!
Die Tage gleichen klaren Silberwellen,
Die sich mit Macht zu überholen streben.

Was gestern freudig mocht' das Herz erheben,
wir müssen's lächelnd heute rückwärts stellen;
Wenn die Erfahrungen des Geistes schwellen,
Erlebnisse gleich Blumen sie durchweben.

So mag man breiter stets den Strom erschauen,
auch tiefer mählich sehn den Grund wir winken
Und lernen täglich mehr der Flut vertrauen.

Nun zierliche Geschirre, sie zu trinken,
Leiht, Götter! uns, und Marmor, um zu bauen
Den festen Damm zur Rechten und zur Linken.

Gottfried Keller

 

 

Hin- und Rückweg

Wer den Pfad der Jugend schreitet,
Sieht, wie diese große Welt
Sich vor ihm gewaltig weitet,
Wert der Wünsche, prachtgeschwellt!

Aber auf des Alters schwerer
Wandrung, wird die Welt ringsum
Immer kleiner, immer leerer,
Hoffensbar und trüb und stumm.

Emil Claar

 

 

 

Stiller Augenblick

Fliehendes Jahr, in duftigen Schleiern
Streifend an abendrötlichen Weihern
Wallest du deine Bahn;
Siehst mich am kühlen Waldsee stehen,
Wo an herbstlichen Uferhöhen
Zieht entlang ein stummer Schwan.

Still und einsam schwingt er die Flügel
Tauchet in den Wasserspiegel,
Hebt den Hals empor und lauscht;
Taucht zum andern Male nieder,
Richtet sich auf und lauschet wieder,
Wie's im flüsternden Schilfe rauscht.

Und in seinem Tun und Lassen
Will's mich wie ein Traum erfassen,
Als ob's meine Seele wär:,
Die verwundert über das Leben,
Über das Hin- und Widerschweben,
Lugt' und lauschte hin und her.

Atme nur in vollen Zügen
Dieses friedliche Genügen
Einsam auf der stillen Flur!
Und hast du dich klar empfunden,
Mögen enden deine Stunden,
Wie zerfließt die Schwanenspur!

Gottfried Keller

 

 

 

Frage

Die ihr über dem Haupt mir schwebt,
Dunkle Mächte des Lebens,
Holder Gaben die Fülle gebt,
Ach, nur daß ihr den Schleier hebt,
Der den sterblichen Blick umwebt,
Hofft die Seele vergebens?

Allmacht, ewige Meisterin,
Ist denn Frevel die Frage,
Ob ich einst das Woher? Wohin?
Zu enträtseln berufen bin,
Ob dem ahnungumwobnen Sinn
Himmlische Klarheit tage?

Oder ruf' ich umsonst dich an?
Mußt du herrschen und schweigen?
Darfst du, wie dem gefangnen Mann,
Was ich nimmer erreichen kann,
Durch des ehernen Gitters Bann
Nur von ferne mir zeigen?

Paul von Heyse

 

 

 

Tag meines Lebens!
die Sonne sinkt.
Schon steht die glatte
Flut vergüldet.
Warm atmet der Fels:
schlief wohl zu Mittag
das Glück auf ihm seinen Mittagsschlaf? –
In grünen Lichtern
spielt Glück noch der braune Abgrund herauf.

Tag meines Lebens!
gen Abend gehts!
Schon glüht dein Auge
halbgebrochen,
schon quillt deines Taus
Tränengeträufel,
schon läuft still über weiße Meere
deiner Liebe Purpur,
deine letzte zögernde Seligkeit.

Friedrich Wilhelm Nietzsche

 

 

 

 

Und doch, obwohl ein jeder von sich strebt
wie aus dem Kerker, der ihn haßt und hält, –
es ist ein großes Wunder in der Welt:
ich fühle: alles Leben wird gelebt.

Wer lebt es denn? Sind das die Dinge, die
wie eine ungespielte Melodie
im Abend wie in einer Harfe stehn?
Sind das die Winde, die von Wassern wehn,
sind das die Zweige, die sich Zeichen geben,
sind das die Blumen, die die Düfte weben,
sind das die langen alternden Alleen?
Sind das die warmen Tiere, welche gehn,
sind das die Vögel, die sich fremd erheben?

Wer lebt es denn? Lebst du es, Gott, – das Leben?

Rainer Maria Rilke

 

 

 

 

Oft fühl ich in scheuen Schauern,
wie tief ich im Leben bin.
Die Worte sind nur die Mauern.
Dahinter in immer blauern
Bergen schimmert ihr Sinn.

Ich weiß von keinem die Marken,
aber ich lausch in sein Land.
Hör an den Hängen die Harken
und das Baden der Barken
und die Stille am Strand.

Rainer Maria Rilke

 

 

 

 

Leise rauschend durch Ruinen
Zieht der Abendwind,
Flüstert alte, düst're Märchen,
Die vergessen sind.

Von den Bäumen herbstestraurig,
Sinkt nun Blatt auf Blatt,
Sucht in der Ruine Schweigen
Eine Grabesstatt.

Fallen wird auch sie,
Die trotzig manch' Jahrhundert stand,
Ziehen werden, wo sie ragte,
Nebel übers Land.

»Märchenhaft ist dieses Leben!«
Seufzt der Abendwind:
In der heißen Brust erglommen
Mir zwei Wünschlein sind:

Meinem Leben eine Seele,
Die sich meiner eint,
Meinem Grabe eine Thräne,
Die die Liebe weint!

Ernst Ziel

 

 

 

Nun laß die Liebe! In der Luft
liegt es wie Hyazinthenduft,
klingt es wie Raserei –
Das Leben ist ein frecher Tanz,
nur wer's verachtet, hat es ganz
und klagt nicht, wenn's vorbei!

Tokaier füll mir den Pokal –
Daß ich das Gift nicht seh im Mahl,
betäube mich mit Wein!
Gott sei's geklagt, nach diesem Tanz
wird ja mein armes Herz auch ganz,
ja ganz zertreten sein!

Maria Eugenie delle Grazie

 

 

 

Die Blumen schwanden, auch die letzten,
Die Mensch und Tier und Flur ergötzten
Mit Blütenduft und Farbengold;
Doch alle keimten, wuchsen, blühten,
Und ehe sie im Herbst verglühten,
Erfüllten sie, was sie gesollt.

Laß meines Lebens Herbst erst kommen,
O Herr, wenn ich zu Nutz und Frommen
Der Welt gewirkt auf meiner Bahn!
Ruf mich zu dir an jenem Tage,
Wo ich mit Zuversicht mir sage:
Was ich gesollt, hab ich gethan!

Ludwig Kossarski

 

 

 

Über dem Haupt dir
Segeln die Wolken,
Tragen den schnellen
Tötenden Blitz.

Über dem Haupt dir
Strahlen die Sterne,
Winken dir traut
In trauriger Nacht.

Nieder zu dir hin
Fahren die Blitze,
Doch zu den Sternen
Streben mußt du!

Emil Rittershaus

 

 

 

Eingelegte Ruder

Meine eingelegten Ruder triefen,
Tropfen fallen langsam in die Tiefen.

Nichts, das mich verdroß! Nichts, das mich freute!
Niederrinnt ein schmerzenloses Heute!

Unter mir – ach, aus dem Licht verschwunden –
Träumen schon die schönern meiner Stunden.

Aus der blauen Tiefe ruft das Gestern:
Sind im Licht noch manche meiner Schwestern?

Conrad Ferdinand Meyer

 

 

Auf meinen bestürmeten Lebens-Lauff

Wie sehr der Wirbelstrom so vieler Angst und plagen
mich drähet um und um / so bistu doch mein Hort /
mein mittel punct / in dem mein Zirkel fort und fort
mein Geist halb hafften bleibt vom sturm unausgeschlagen.

Mein Zünglein stehet stät / von Wellen fort getragen /
auf meinen Stern gericht. Mein Herz und Aug' ist dort /
es wartet schon auf mich am Ruhe-vollen Port:
dieweil muß ich mich keck in weh und See hinwagen.

offt will der Muht / der Mast / zu tausend trümmern springen.
Bald thun die Ruder-Knecht / die sinnen / keinen Zug.
Bald kan ich keinen Wind in glaubens-Segel bringen.

jetz hab ich / meine Uhr zu richten / keinen fug.
Dann wollen mich die Wind auf andre zufahrt dringen,
bring' an den Hafen mich / mein Gott / es ist genug!

Catharina Regina von Greiffenberg

 

 

 

In der Kirche und im Staate
Herrscht man, oder wird regieret;
Bei dem Freien, bei der Heirath,
Narrt man, oder wird verführet;
Bei dem Spiel und beim Geschäfte
Trügt man, oder wird betrogen;
In dem Kriege, in dem Bündniss,
Lügt man, oder wird belogen;
In Gesellschaft, bei Verwandten
Trägt man, oder wird ertragen;
In dem Kampfe um das Dasein
Schlägt man, oder wird erschlagen.

Karl Knortz

 

 

 

Ich bin nur einer deiner Ganzgeringen,
der in das Leben aus der Zelle sieht
und der, den Menschen ferner als den Dingen,
nicht wagt zu wägen, was geschieht.
Doch willst du mich vor deinem Angesicht,
aus dem sich dunkel deine Augen heben,
dann halte es für meine Hoffahrt nicht,
wenn ich dir sage: Keiner lebt sein Leben.
Zufälle sind die Menschen, Stimmen, Stücke,
Alltage, Ängste, viele kleine Glücke,
verkleidet schon als Kinder, eingemummt,
als Masken mündig, als Gesicht – verstummt.

Rainer Maria Rilke

 

 

 

 

 

Trotziges Leben

Höhnisch Heulen
Von herben Winden!
Rauhe Schauer
Rieseln durch Mark und Bein.
Wirbelnde Blätter
Von den Linden
Schleifen in öden,
Schlüpfrigen Schlamm hinein.
Wolken weinen da droben;
Pessimistische Zähren
Spritzt mir der Sturm ins Gesicht –
Leben voll Jammer und Schwären!
Trotzig dich wehren!
Kämpfend verklären!
Lockenschüttelnd das Haupt erhoben,
Seele voll Licht!
Freude gebären!
Modre, vermodre
Du nur, du nur im Sumpfe nicht!

Karl Friedrich Henckell

 

 

 

Wir harren nicht mehr ahnungsvoll
Wie sonst auf blaue Märchenwunder;
Wie sich das Buch entwickeln soll,
Wir wissen's ganz genau jetzunder.

Wir blätterten schon hin und her,
– Denn ruchlos wurden unsre Hände –
Und auf der letzten Seite sahn
Wir schon das schlimme Wörtlein Ende.

Theodor Storm

 

 

 

Fichtenrauschen – Mondscheinleuchten
heben an ein seltsam Singen,
und im lichten Glaste flimmert's
wie von weißen Geisterschwingen ...

Wirfst du endlich ab die Hülle,
kehrst du wieder heim, Verlorner?
wachst du auf aus deinen Träumen,
nie Gestorbner – nie Geborner?!

Siehst du dich im goldnen Kahne
durch des Lebens Fluten gleiten,
nur gewichen sind die Ufer,
und erweitert sind die Weiten ...

Deine Flügel sind entfaltet
über Raum und alle Zeiten,
Tod und Leben sind nur Formen,
Träume dunkler Sinnlichkeiten.

Julius Hart

 

 


Stiftungslied

Reicht den Becher in die Runde!
Freudig preisen wir die Stunde,
Wo wir uns aus fernen Landen
Brüderlich zusammenfanden
Zu dem schönsten Jugendbunde.
Alter Neid, der uns verblieben,
Alter Haß, er sei vertrieben.
Wer da haßt, der lebt vergebens,
Denn die Summe unsres Lebens
Sind die Stunden, wo wir lieben.

Wo wir irren, wo wir fehlen,
Wollen wir uns nicht verhehlen,
Aber heimlich und im Rücken
Der Verleumdung Dolch zu zücken,
Bleibe den gemeinen Seelen.

Was wir denken, was wir streben,
Was wir lieben und erleben,
Sei vereint in diesen Stunden
Doppelt schön von uns empfunden,
Unsre Herzen zu erheben.

Dieser Geist, der uns durchdrungen,
Lebe frisch und unbezwungen
Immer fort in diesen Hallen,
Wenn wir längst in Staub zerfallen
Und dies Lied schon längst verklungen.

Wilhelm Busch

 

 

 

 

Wie die Lieder wirbelnd erklingen!
Wie sie fiedeln, zwitschern und singen!
Wie aus den Blicken die Funken springen!
Wie sich die Glücklichen liebend umschlingen!
Jauchzend und schrankenlos,
Sorglos, gedankenlos
Dreht sich der Reigen,
Der Lebensreigen. –
Ich muß schweigen,
Kann mich nicht freuen,
Mir ist so angst ...

Finster am Bergesrand
Wandelt die Wolke,
Hebt sich des Herren Hand
Dräuend dem Volke:
Und meine Augen, sie sehens alleine,
Und meine Sorgen verstehens alleine ...
Es fiel auf mich in der schweigenden Nacht,
Und es läßt mich nicht los,
Wie dumpfer hallender Glockenlaut,
Es folgt mir durch die Frühlingspracht,
Ich hör es durch der Wellen Getos:
Ich habe den Frevel des Lebens geschaut!
Ich sah den Todeskeim, der aus dem Leben sprießt,
Das Meer von Schuld, das aus dem Leben fließt,
Ich sah die Fluten der Sünden branden,
Die wir ahnungslos begehen,
Weil wir andere nicht verstanden,
Weil uns andere nicht verstehen.

Hugo von Hofmannsthal

 

 

 

 

Unstete Waage des Lebens
immer schwankend, wie selten
wagt ein geschicktes Gewicht
anzusagen die immerfort andre
Last gegenüber.

Drüben, die ruhige
Waage des Todes.
Raum auf den beiden
verschwisterten Schalen.
Gleichviel Raum. Und daneben,
ungebraucht,
alle Gewichte des Gleichmuts,
glänzen, geordnet.

Rainer Maria Rilke

 

 

 

 

Gebet

Jahr um Jahr hab' ich gerungen
Und erlitten Schmerz um Schmerz;
Aber stark und unbezwungen
Hielt sich mein gequältes Herz.

Wie sich auch die Wolken ballten,
Wie das Leben sich verschwor –
Mit stets reinerem Entfalten
Schwang sich still mein Geist empor.

Treu erglühend für das Echte,
Hab' ich fast das Ziel erreicht;
Blickt mich an, ihr ew'gen Mächte:
Dieser Scheitel ist gebleicht.

Und die Flamme meines Lebens
Neigt sich mählich zum Verglüh'n –
Gönnt mir noch den Rest des Strebens,
Gönnt mir noch ein letztes Müh'n.

Laßt mich noch getrost vollenden,
Was ich ernst und fest begann,
Und auf sanften Götterhänden
Traget mich von hinnen dann! –

Also fleh' ich, von den Schwingen
Der Erfüllung leis umweht –
Und doch fürchtend, daß mein Ringen
Im Verhängnis untergeht!

Ferdinand von Saar

 

 

 

Vor lauter Lauschen und Staunen sei still.
Du mein tieftiefes Leben;
Daß du weißt, was der Wind dir will.
Eh noch die Birken beben.

Und wenn dir einmal das Schweigen sprach,
Laß deine Sinne besiegen.
Jedem Hauche gib dich, gib nach,
Er wird dich lieben und wiegen.

Und dann, meine Seele, sei weit, sei weit.
Daß dir das Leben gelinge,
Breite dich wie ein Feierkleid
Über die sinnenden Dinge.

Rainer Maria Rilke

 

 

 

Es ist ein stetes stilles Wandern
Durch Menschen, Dinge und Gedanken.

Man geht und geht
Und merkt kaum, wie ringsum die Bilder
Sich verschieben und vorübergleiten
Und eines um das andere rückwärts fällt ...
Und plötzlich steht
Man wie in einer neuen Welt!

Fernes wird nah und Nahes fern ...
Du bleib sein Kern!

Cäsar Otto Hugo Flaischlen

 

 

 

Der Sänger breitet es glänzend aus,
Das zusammengefaltete Leben;
Zum Himmel schmückt er das irdische Haus,
Ihm hat es die Muse gegeben;
Kein Dach ist so niedrig, keine Hütte so klein,
Er führt einen Himmel voll Götter hinein.
Und wie der erfindende Sohn des Zeus
Auf des Schildes einfachem Runde
Die Erde, das Meer und den Sternenkreis
Gebildet mit göttlicher Kunde,
So drückt er ein Bild des unendlichen All
In des Augenblicks flüchtig verrauschenden Schall.

Johann Christoph Friedrich von Schiller

 

 

 

 

Und man erkennt: Verbindlichkeit ist Leben,
und jeder lebt so völlig wie er liebt:
Die Seele will, was sie erfüllt, hingeben,
damit die Welt ihr neue Fülle gibt.

Bei Tag, bei Nacht umschlingt uns wie ein Schatten
im kleinsten Kreis die große Pflicht:
Wir alle leben vom geborgten Licht
und müssen diese Schuld zurückerstatten.

Richard Fedor Leopold Dehmel

 

 

 

Der Sämann säet den Samen.
Die Erde empfängt ihn und über ein kleines
wächset die Blume hinauf.

Du liebtest sie. Was auch dies Leben
sonst für Gewinn hat, war klein dir geachtet,
und sie entschlummerte dir.

Was weinest du neben dem Grabe
und hebst die Hände zur Wolke des Todes
und der Verwesung empor?

Wie Gras auf dem Felde sind Menschen
dahin, wie Blätter, nur wenige Tage
gehen wir verkleidet einher.

Der Adler besuchet die Erde,
doch säumt nicht, schüttelt vom Flügel den Staub
und kehret zur Sonne zurück.

Matthias Claudius

 

 

 

Unter den Dingen im Grunde
Liegt alles Unbekannte;
Das spricht in seltener Stunde
Zu uns als das Verwandte.

So sind die kleinsten Dinge
Und auch die größten sind so;
Ihre unsichtbare Schwinge
Berührt uns irgendwo.

Paul Eberhardt

 

 

 

"Hab' Acht, lieb' Mäuslein", sprach Mutter Maus,
"Es frißt dich die Katze, gehst du heraus;
Und entkömmst du auch ihren Krallen,
So drohen auf allen Seiten dir Fallen.
Und – thu mir nie nach dem Specke lungern!" –
Da fiel Vater Maus begütigend ein:
"Geh', Mütterchen, laß das Predigen sein;
Im Leben heißt's: wagen oder verhungern."

Verfasser unbekannt

 

 

 


Lebensbrot

Gib es nicht den Vielen,
Sie verstehen's selten:
Flug zu feinsten Zielen
Lassen sie nicht gelten.

Plump ins Auge springen
Muß, wozu sie drängen,
An den Außendingen
Bleibt ihr Wille hängen.

Messen alle Gabe
Nach der Gier der Meisten,
Wähnen, alles trabe
Nach gemeinem Leisten.

Mögen's nie erfassen,
Daß die Himmelskronen
Sich erringen lassen
Nur durch Höllenzonen.

Daß ein köstlich Winken,
Süß wie Frauenkosen,
Mild wie Sternenblinken,
Liegt im Absichtslosen.

Daß die tiefen Nornen
Höchstes ihm erlosen,
Dem aus schwarzen Dornen
Blühen weiße Rosen.

Daß zum seligen Grale
Führen mystische Weisen,
Aus der Schmerzensschale
Lebensbrot zu speisen.

Karl Friedrich Henckell

 

 

 

Leben heißt Sehnsucht verehren

Über den leeren mächtigen Bäumen
Hängen die schmächtigen Sterne,
Umdrängen den Mond im Kreise.
Sehnsüchte leben auch in den prächtigen Himmelsräumen,
Und auch Gestirne kommen aus ihrem Geleise.
Keine Sonne, kein Stern kann sich der Sehnsucht erwehren,
Alle Leben leiden und lachen auf gleiche Weise.
Leben heißt Sehnsucht verehren;
Niemals der Tod, die Geliebte allein kann dir Ruhe bescheren.

Max Dauthendey

 

 

 

Jetzt ist kein Hafen mehr in Sicht,
Die Welle stürzt schon breiter,
Die Segel brüsten sich im Licht:
Jetzt, Jungs, wird's heiter!
Seht die Sonne schweben,
Seht die Wolken ziehn;
Freier rauscht das Leben,
Alle Ufer fliehn.

Das Steuer prompt in wacher Hand,
Bald fest die Hand, bald lose:
So, Jungens, kreuzt man mit Verstand
Durchs Weltgetose!
Seht den Wimpel schweben,
Seht die Möwen ziehn;
Leicht rauscht alles Leben,
Wenn die Ufer fliehn.

Im Fluge naht die Stunde zwar,
Da geht's zurück zum Hafen,
Vielleicht zum allerletzten gar:
Dann, Jungs, geht schlafen!
Seht den Himmel schweben,
Seht die Sterne ziehn;
Weiter rauscht das Leben,
Alle Ufer fliehn.

Richard Fedor Leopold Dehmel

 

 

 

Wohl mir, mein müder Geist
Wird wieder Staub,
Wird, wie der Weltlauf kreist,
Wurzel und Laub;
Wird sich des keimenden Daseins freuen,
Frühlingstriebe still erneuen,
Saftige Früchte zur Erde streuen;
Freilich sein spreitendes Dach zu belauben,
Wird er andern die Säfte rauben,
Andern stehlen Leben und Lust:
Wohl mir, er frevelt unbewußt!

Hugo von Hofmannsthal

 

 

 

 

Was ist des Menschen Denken?
Ein Labyrinth voll Nacht!

Was ist des Menschen Können?
Ach, eines Kindes Macht!

Was ist des Menschen Wissen?
Von einem Meer ein Schaum!

Was ist des Menschen Leben?
Ein kurzer, bunter Traum.

Ludwig Bechstein

 

 

 

 

Teilen kann ich nicht das Leben,
Nicht das Innen noch das Außen,
Alles muß das Ganze geben,
Um mit euch und mir zu hausen.
Immer hab' ich nur geschrieben,
Wie ich fühle, wie ich's meine,
Und so spalt' ich mich, ihr Lieben,
Und bin immerfort der eine.

 

Johann Wolfgang von Goethe

 

 

 

O tränenwertes, wahres Bild des Lebens!
Die Freude tritt zur Tür herein, aus der
Kaum ging der Schmerz!
Das Glück nimmt ein das Bett,
Woraus entwichen die Verzweiflung kaum!
Was wird, besetzt die Stelle des Gewes'nen;
Des Lebens Becher ist stets gleich gefüllt,
Nur daß ihn eine Hand ergreift, die andre
Ihn wegstellt. Ach! wenn oftmals unser Auge
Die Glückesschalen, welche überschäumen
Zu müssen scheinen, gründlich prüfen könnte:
Ergäbe dann sich nicht, daß jede Lust
Des einen Menschen, mit des andern Asche
Und Tränen sich vermengt?

 

Alphonse de Lamartine

 

 

 

Die Vergangenheit

Mir ist als legten leise
Sich Nebel um mich her,
Vom bunten Menschenkreise
Mich scheidend mehr und mehr.
Erinnerungen sind es,
Aus Lust und Leid gewebt,
Die man, will's ein gelindes
Geschick, mit mir begräbt!

Mir ist, als brauste, grollte
Um mich ein Ocean,
Den ich, wie gern ich wollte
Nicht überbrücken kann.
Dieß Meer, deß banger Klage
Die Seele träumend lauscht,
Es sind die fernen Tage,
Die an mir hingerauscht!

Vereinsamt im Gewühle,
Das rastlos drängt und schafft,
Vergangenheit! wie fühle
Ich mich in deiner Haft!
Erschöpft vom Lebensstreite,
Den Wunsch auf nichts gestellt,
Ein dunkler Schatten gleite
Ich durch die blüh'nde Welt!

Betty Paoli

 

 

 

Die Illusion

Was ist die Freude, das Glück, das Leben
ohne den Traum von Hoffnung und von Ruhm!
Eine Straße, endlos, öd, uneben:
immer müder wird dein Pilgertum.

Gieb mir Melodieen – oh, nur eine:
wiege das Herz in Träume, wenn es schreit!
und dir wachsen ewige Marmorsteine
aus der Asche der Vergangenheit.

Hoffnung! Ruhm! was soll ich mich beklagen;
ein Diadem zieht strahlend vor mir her.
Was tut’s, ein Leben wie ein Bettler tragen,
wenn man stirbt wie Pindar und Homer!

Richard Fedor Leopold Dehmel

 

 

 

Das Leben geht vorüber wie die Welle,
Und Jugend währt nur einen Augenblick;
Die Freuden fliehen mit Gedankenschnelle;
Wie Wetterleuchten zuckt der Liebe Glück:
O Weiser, richte auf die Freudenquelle
Der lichten Gottheit deinen wachen Sinn,
Daß sich des Daseins dunkles Meer erhelle,
Und schiffe sicher durch die Wogen hin.

Bhartrihari

 

 

 

Ist auch mein Licht nicht ausgeglommen,
Schön war das mir vergönnte Stück.
Wie ich's aus Gottes Hand bekommen,
Glüh ich es ihm zurück.

Ich habe tief gewußt hienieden
Was groß und schön war, tat und sann.
Ich scheide von der Welt in Frieden
Und muß nicht fragen wann.

Ich sah den Glanz der Werde-Tage
Und fühlte Segnung wo ich litt.
Ich liebte, ward geliebt und trage
Die holden Bilder mit.

Friedrich Gundolf

 

 

 

Der Morgen weht mit zarten Lüften,
Und spielt mit Gras und Blatt und Blüt',
Und haucht aus tausend süßen Düften
Erinnerung in mein Gemüt.

Wie bald verweht des Lebens Morgen!
Kein Frühling macht uns wieder jung.
Was bleibt uns zwischen Pein und Sorgen
Als du – als du, Erinnerung?

Momente kommen gut und herzlich,
Und man vergißt das schlimme Jahr,
Ach, man gedenkt entzückend-schmerzlich
Der Stunden, die man glücklich war.

Das Leben ist ein Kranz von Blüten,
Tief zwischen Dornen eingewebt,
Nur die erringen, die sich mühten,
Nur wer geweint hat, hat gelebt.

Ernst Freiherr von Feuchtersleben

 

 

 

 

Vom Tode

In der Jugend heiterem Morgenrot
Denkt kein Mensch an Alter und Tod,
Und dies mit allem Grund und Fug;
Denn an den Tod soll man nicht denken.
Im Alter kostet es Müh' genug,
Die Gedanken von ihm abzulenken.

Memento Mori: hohler Popanz!
Motto für den Totentanz!
Taugt nichts für Junge und nichts für Greise;
Memento vivere sagt der Weise:
Fülle dein Leben tüchtig aus –
Mit dem Rat hält man richtig Haus.

Friedrich Theodor von Vischer

 

 


Ich hab in kalten Wintertagen
In dunkler, hoffnungsarmer Zeit
Ganz aus dem Sinne dich geschlagen
O Trugbild der Unsterblichkeit.

Nun, da der Sommer glüht und glänzet,
Nun seh ich, daß ich wohlgetan,
Aufs neu hab ich das Haupt bekränzet,
Im Grabe aber ruht der Wahn.

Ich fahre auf dem klaren Strome,
Er rinnt mir kühlend durch die Hand,
Ich schau hinauf zum Blauen Dome
Und such – kein bessres Vaterland.

Nun erst versteh ich, die da blühet,
Oh Lilie, deinen stillen Gruß:
Ich weiß, wie sehr das Herz auch glühet,
Daß ich wie du vergehen muß!

Seid mir gegrüßt, ihr holden Rosen;
In eures Daseins flücht'gem Glück –
Ich wende mich vom Schrankenlosen
Zu eurer Anmut froh zurück.

Zu glühn, zu blühn und ganz zu leben,
Das lehret euer Duft und Schein,
Und willig dann sich hinzugeben
Dem ewigen Nimmerwiedersein.

Gottfried Keller

 

 

 

Schwalben

Eine tote Schwalbe
Liegt auf meinem Pfad.
Allzu spät dem Nest entronnen
Hat sie nicht die Kraft gewonnen,
Mit den andern fortzufliegen
Nach den schönen bessern Sonnen,
Und blieb liegen,
Als der Frost genaht.

Arme tote Schwalbe,
Viele sind wie du,
Denen allzu spät das Leben
Allzu karg Erfolg gegeben,
Ach, und müssen dann erliegen,
Während andre weiterfliegen
Ihren Siegen,
Ihren Sonnen zu …

A. de Nora

 

 

 

 

 

Wenn die Uhren so nah
wie eigene Herzen schlagen,
und die Dinge mit zagen
Stimmen sich fragen:
Bist du da? – :

Dann bin ich nicht der, der am Morgen erwacht,
einen Namen schenkt mir die Nacht,
den keiner, den ich am Tage sprach,
ohne tiefes Fürchten erführe –

Jede Türe
in mir gibt nach...

Und da weiß ich, daß nicht vergeht,
keine Geste und kein Gebet
(dazu sind die Dinge zu schwer) –
meine ganze Kindheit steht
immer im mich her.
Niemals bin ich allein.
Viele, die vor mir lebten
und fort von mir strebten,
webten,
webten
an meinem Sein.

Und setz ich mich zu dir her
und sage dir leise: Ich litt -
hörst du?

Wer weiß wer
murmelt es mit.

Rainer Maria Rilke

 

 

 

 

Lerne hoffen, ohne zu hoffen!
Leider ein allzu schweres Stück;
Wer's könnte, der hätte das Ziel getroffen:
Glücklich zu sein auch ohne Glück.
Dennoch ist's wahr und guter Rat,
Wird er auch niemals ganz zur Tat.
Leben ist Schuld,
Da will's Geduld;
Im Genuß entsagen,
Leidend nicht klagen,
Verzichtend wagen,
Dem Schein nicht trauen,
Doch freudig schauen,
Schaffen und bauen!
Versuch es, und kann es nicht ganz gelingen:
Soviel du vermagst, es doch zu zwingen,
Soviel ragst du aus Zeit und Schein
Empor, in die Ewigkeit hinein.

Friedrich Theodor von Vischer

 

 

 

Lebensabschnitt

Ich mache eine Amnestie
Aus herzlichem Verlangen.
Und sei auch du und sein auch Sie
Zu mir ganz unbefangen.

Das Leben ist ein Rutsch-Vorbei!
Nur das, was echt gewesen,
Nährt weiterhin. – Ein Besen,
Zu wild geschwenkt, schlägt viel entzwei..

Seid gut zu mir und macht Radau,
Verzeihend und aus Reue!
Wollt Ihr? Wer reist aufs neue
Mit mir ins Himmelsblau?

Joachim Ringelnatz

 

 

 

Sei du im Leben wie im Wissen
Durchaus der reinen Fahrt beflissen;
Wenn Sturm und Strömung stoßen, zerrn,
Sie werden doch nicht deine Herrn;
Kompaß und Pol-Stern, Zeitenmesser
Und Sonn und Mond verstehst du besser,
Vollendest so nach deiner Art
Mit stillen Freuden deine Fahrt.
Besonders, wenn dich's nicht verdrießt,
Wo sich der Weg im Kreise schließt;
Der Weltumsegler freudig trifft
Den Hafen, wo er ausgeschifft.

Johann Wolfgang von Goethe

 

 

 

 

Alte Ketten

Und folgst du neuer Lust und Pflicht,
Des Sommers schweren Kranz im Haar,
Dein edles Herz begeifre nicht,
Was deiner Jugend heilig war!

Und wenn die Lockung dich umgirrt,
Zu schmäh'n, was einst dir köstlich galt,
Gesteh' mit Mut: ich hab' geirrt;
Doch lästre nicht, was leis verhallt.

Gedenk' der Schlösser, die du einst
Im Schmuck der Waffen stolz verließt;
Sie bergen viel, was du beweinst,
Und was du nimmer wieder siehst.

Wenn du des Lebens Feinde schlugst,
Verhöhn' sie nicht, sei mitleidsvoll;
Und selbst der Ketten, die du trugst,
Gedenke ohne Haß und Groll.

Wenn du aus Banden dich befreist,
Die deiner Jugend Fleisch gepreßt,
In diesen Fesseln lebt ein Geist,
Der sich nicht lachend spotten läßt.

Und wenn die Hand im sonn'gen Tal
Sich neuen Lenzes Blüten rafft,
Mahnt dich ein altes Wundenmal
An jener Kerker dunkle Haft.

Und stehst du trotzig und befreit,
In deinen Ruhm, in deine Schmach
Tönt dir aus ferner Leidenszeit
Das Klirren alter Ketten nach.

Rudolf Presber

 

 

 

Ich liebe dich, du sanftestes Gesetz,
an dem wir reiften, da wir mit ihm rangen;
du großes Heimweh, das wir nicht bezwangen,
du Wald, aus dem wir nie hinausgegangen,
du Lied, das wir mit jedem Schweigen sangen,
du dunkles Netz,
darin sich flüchtend die Gefühle fangen.

Du hast dich so unendlich groß begonnen
an jenem Tage, da du uns begannst, –
und wir sind so gereift in deinen Sonnen,
so breit geworden und so tief gepflanzt,
daß du in Menschen, Engeln und Madonnen
dich ruhend jetzt vollenden kannst.

Laß deine Hand am Hang der Himmel ruhn
und dulde stumm, was wir dir dunkel tun.

Rainer Maria Rilke

 

 

 

An Dich

Was fruchtet's, daß in schmerzlichen Entwürfen
dir Tag um Tag scheu wie ein Dieb entschleicht!
Aus jedem goldnen Becher sollst du schlürfen
den Trank, den jede goldne Stunde reicht;

denn jede Blüte, die du nicht gebrochen,
und jeder ungehörte Saitenklang
und jedes Glück, das du nicht ausgesprochen,
fällt als ein Tropfen Reue in den Trank.

Und was vergangen ist, das sei vergangen!
Der neue Tag führt neues Licht herauf.
Tot sind die Lieder, die noch gestern klangen.
Was kümmert's dich? Zieh neue Saiten auf! –

Der Augenblick ist Leben und Erringen,
verlornes Glück, verklungenes Getön.
Wenn es verklang, wo wird's auch wieder klingen,
du bist ja noch so jung und bist so schön!

Walter Calé

 

 

 

Spruch für eine Sonnenuhr

Auf dem Hochzeitsturm in Darmstadt

Der Tag geht über mein Gesicht.
Die Nacht sie tastet leis vorbei.
Und Tag und Nacht ein gleich Gewicht
und Nacht und Tag ein Einerlei.

Es schreibt die dunkle Schrift der Tag
und dunkler noch schreibt sie die Nacht.
Und keiner lebt, der deuten mag
was beider Schatten ihm gebracht.

Und ewig kreist die Schattenschrift.
Leblang stehst du im dunklen Spiel.
Bis einmal dich die Deutung trifft:
Die Zeit ist um. Du bist am Ziel.

Rudolf Georg Binding

 

 

"Des lieben Gottes Hofschauspieler"
So nannte einst Freund Heine sie,
Der gut sie kannte, die Franzosen,
Und ihres Wesens Was und Wie.

Des lieben Gottes Hofschauspieler –
Sind wir's im Grund nicht alle eben?
Wir reißen uns um uns're Rollen,
Und nur ein »Stück« ist unser Leben!

Peter Sirius

 

 

 

 

Ein' festen Sitz hab' ich veracht't,
Fuhr unstät durch's Revier,
Da fand ich sonder Vorbedacht
Ein lobesam Quartier.

Doch wie ich in der Ruhe Schoß
Sänftlich zu sitzen wäh'n,
Da bricht ein Donnerwetter los!
Muß wieder wandern geh'n.

All' Jahr wächst eine and're Pflanz'
Im Garten, als vorher!
Das Leben wär' ein Narrentanz!
Wenn's nicht so ernsthaft wär'!

Joseph Victor von Scheffel

 

 

 

Der Mensch muß wohl erwägen und bedenken,
Daß weder Stand noch Geist noch edles Streben
Auf dieser Welt des Todes Macht beschränken:
Denn kaum geboren stirbt man nach und nach
Und nähert sich dem Tode Tag für Tag;
Drum kann ein Tor nur baun auf dieses Leben.

Aus der Provence

 

 

 

Wie selten, daß im Druck und Drang des Lebens
ein Menschenherz dem andern sich erschließt,
der tiefste Born geheimnisvollen Webens
in gottgeweihter Stunde überfließt!
Denn was wir Heiligstes im Innern tragen,
wie Wenigen gönnen wir's mit banger Scheu,
wir kennen ja den Spott auf unsre Klagen,
Gleichmut und Selbstsucht, die sich ewig treu.
So bergen neidisch wir, was echt uns eigen,
und überschau'n wir, was das Leben gab,
ein Wandern war's in Einsamkeit und Schweigen,
und unser Bestes deckt mit uns das Grab!

Konrad Telmann

 

 

 

Lebenslied

Den Erben laß verschwenden
An Adler, Lamm und Pfau
Das Salböl aus den Händen
Der toten alten Frau!
Die Toten, die entgleiten,
Die Wipfel in dem Weiten
Ihm sind sie wie das Schreiten
Der Tänzerinnen wert!

Er geht wie den kein Walten
Vom Rücken her bedroht.
Er lächelt, wenn die Falten
Des Lebens flüstern: Tod!
Ihm bietet jede Stelle
Geheimnisvoll die Schwelle;
Es gibt sich jeder Welle
Der Heimatlose hin.

Der Schwarm von wilden Bienen
Nimmt seine Seele mit;
Das Singen von Delphinen
Beflügelt seinen Schritt:
Ihn tragen alle Erden
Mit mächtigen Gebärden.
Der Flüsse Dunkelwerden
Begrenzt den Hirtentag!

Das Salböl aus den Händen
Der toten alten Frau
Laß lächelnd ihn verschwenden
An Adler, Lamm und Pfau:
Er lächelt der Gefährten. –
Die schwebend unbeschwerten
Abgründe und die Gärten
Des Lebens tragen ihn.

Hugo von Hofmannsthal

 

 

 

 

Dies überstanden haben, auch das Glück
ganz überstanden haben, still und gründlich, –
bald war die Prüfung stumm, bald war sie mündlich,
wer schaute nicht verwundert her zurück.

Gekonnt hats keiner; denn das Leben währt
weils keiner konnte. Aber der Versuche
Unendlichkeit! Das neue Grün der Buche
ist nicht so neu wie das uns widerfährt.

Weils keiner meistert, bleibt das Leben rein.
Ists nicht verlegne Kraft wenn ich am Morgen turne?
Und von der Kraft, die war, wie leise spricht der Stein.
Und auf dem leisen Stein wie fruchthaft schließt die Urne.

Rainer Maria Rilke

 

 

 

Das Leben ist ein Traum,
Man merkt, man fühlt ihn kaum;
Denn schnell wie Wolken ziehn,
Ist dieser Traum dahin.
Wohl dem, der gut geträumt,
Wohl dem, dess Saat hier keimt
Zur Ernte für die Zeit
Der Unvergänglichkeit.
Das Leben ist der Blick
Auf einer Zukunft Glück,
Das jeder haben kann,
Der hier es wohlgetan.
Wohl dem, der nach der Nacht
Des Grabes froh erwacht,
Den nicht die Stimme schreckt,
Die aus dem Schlummer weckt.
Wer bei der Arbeit Schluß
Die Rechnung fürchten muß,
Hat wahrlich keinen Blick
Auf einer Zukunft Glück.

Johann Christoph Wannovius

 

 

 

Lebe rein, mein Herz, dies schöne Leben,
Rein von allem Fehl und bösem Wissen,
Wie die Lilie lebt in stiller Unschuld,
Wie die Taube in des Haines Wipfeln;
Daß du, wenn der Vater niederblicket,
Seist sein liebstes Augenmerk auf Erden,
Wie des Wandrers Auge unwillkürlich
An den schönsten Abendstern sich heftet;
Daß du, wenn die Sonne dich einst löset,
Eine reine Perl' ihr mögest zeigen,
Daß dein Denken sei wie Duft der Rose,
Daß dein Lieben sei wie Licht und Sonne,
Wie des Hirten Nachtgesang dein Leben,
Wie ein Ton aus seiner sanften Flöte.

Leopold Schefer

 

 


Überall Leid

Allüberall, wohin ich ging und kam,
Fand ich ein Weh; so einsam lag kein Land,
Daß nicht der Weg zu ihm die Sorge fand,
Und wo kein Baum gedieh, gedieh noch Gram;
Und magst du ziehn nach Süd und Nord,
Gen Ost und West, nach allen Winden,
Du wirst doch stets dasselbe Lösungswort,
Die Arbeit und des Lebens Mühsal finden.

Dasselbe Kämpfen um dein täglich Brot,
Das sich nicht lohnt, so schwer verdient zu sein,
Erwartet dich am Hudson wie am Rhein;
Ihr Bürgerrecht hat überall die Not.
Und häufst du durch langer Jahre Fleiß
Reichtümer auf, – wo ist für ganze Haufen
Von Gold ein Arzt, der dir ein Mittel weiß,
Nur einen Jugendtag zurückzukaufen? –

Konrad Krez

 

 

 

Den einen faßt das Leben lind

Den einen faßt das Leben lind,
Mag hoch die Flut auch schwellen,
Es tragen, wie ein Liebeskind,
Geduldig ihn die Wellen.

Den andern will der Wogen Spiel
Entrücken seinen Wegen,
Und bis zum Tod, nach seinem Ziel
Schwimmt er dem Strom entgegen.

Ein dritter bleibt am Ufer steh'n, –
Des Lebens Glück und Leiden,
Er darf sie nur von ferne seh'n
Und sehnt sich wohl nach beiden!

O Tag um Tag vorbei ihm schwebt,
Heut klarer, morgen trüber,
Er hat das Leben nicht gelebt,
Es ging an ihm vorüber!

Wilhelmine Gräfin von Wickenburg-Almasy

 

 

 

 

Wenn

Ja, hätte mir von Anbeginn
So manches nicht gefehlt,
Und hätt' ich nur mit anderm Sinn
Den andern Weg gewählt,
Und hätt' ich auf dem rechten Pfad
Die rechte Hilf' empfahn
Und so statt dessen, was ich tat,
Das Gegenteil getan,
Und hätt' ich vieles nicht gemußt
Auf höheres Geheiß
Und nur die Hälft' vorher gewußt
Von dem, was heut' ich weiß,
Und hätt' ich ernstlich nur gewollt,
Ja, wollt' ich nur noch jetzt,
Und wäre mir das Glück so hold
Wie manchem, der's nicht schätzt,
Und hätt' ich zehnmal soviel Geld
Und könnt', was ich nicht kann,
Und käm' noch einmal auf die Welt –
Ja, dann!

Ludwig Anton Salomon Fulda

 

 

 

Wo ist der Mann von also hohem Glücke,
Der so sich könnte rühmend überheben:
"Ich geh' allein in eigner Kraft durch Leben,
Des Stabes nicht bedürftig, noch der Krücke."
Das Thongefäß von kurz belebtem Staube,
Der arme Mensch, er hat im Weltgetriebe
Zu Stützen nötig vor des Schicksals Raube:
Den Baum des Glaubens, trotzend jedem Hiebe,
Der Hoffnung Stab von immergrünem Laube,
Die Hand der Freundschaft und den Arm der Liebe!

J. Schrott

 

 

Augen, die noch nicht sehen

Augen, die noch nicht sehen,
werden mein Grab einst blühen sehn;
Füße, die noch nicht gehen,
werden daran vorübergehn.

Lippen, die noch nicht lachen,
werden sich öffnen im Sonnenschein,
Herzen, die noch nicht wachen,
werden schlagen und fröhlich sein;

werden dem Leben sich schenken,
schenken der seligen Stunde sich,
und werden der Toten so wenig gedenken
wie einstmals ich!

Carl Hermann Busse

 

 

 

Wie wird doch Alles enden noch?
Wie wird sich Alles wenden doch?
O frage nicht, es gibt die Zeit,
Wer weiß, dir nur zu bald Bescheid!

Schon manchen Sehnens bist du bar,
Das deiner Jungend theuer war,
Und jedes Jahr, das dir verstrich,
Betrog um eine Hoffnung dich.

Wie trügest du noch mit festem Mut
Du dieses Lebens mißlich Gut,
Blieb nicht für jeden nächsten Tag
Der Ungewißheit Reiz dir wach?

O frage nicht, was werden wird;
Geh' deine Straße unbeirrt,
Und spende Dank dem Weltengeist,
Daß du, was deiner harrt, nicht weißt!

Charles Edouard Duboc

 

 

 

Das Leben ist ein Darlehn, keine Gabe –
Du weißt nicht, wieviel Schritt du gehst zum Gabe,
Drum nütze klug die Zeit: auf jeden Schritt
Nimm das Bewußtsein deiner Pflichten mit.
Gewöhne dich – da stets der Tod dir dräut –
Dankbar zu nehmen, was das Leben beut;
Die Wünsche nicht nach Äußerm zu gestalten,
Sondern den Kern im Innern zu entfalten;
Nicht fremder Meinung unterthan zu sein,
Die Dinge nicht zu schätzen nach dem Schein;
Nicht zu verlangen, daß sie sollen gehn,
Wie wir es wünschen, sondern sie verstehn,
Daß wir uns bei Erfüllung unsrer Pflichten,
Da sie's nach uns nicht thun, nach ihnen richten.

Friedrich Martin von Bodenstedt

 

 

 

Umsonst

Was ist das Leben? Ein Irren
Nach einem Nie-Genug,
Und in ererbten Geschirren
Ein Ackern mit rostigem Pflug.

Ein Kämpfen mit all den leid'gen
Sorgen, mit Qual und Not,
Ein ewiges Sich-Verteid'gen
Gegen Liebe und Tod!

Rudolf Presber

 

 

 

Berechne jeden Tag, wie viel der Stunden du
Verwendet hast auf Mittagsruh,
Wie viel auf Schmauserei, wie viel
Auf Tanz und Spiel
Und auf Geschwätz, das nicht Gespräch gewesen ist,
Und dann, o Mensch, zieh ab und sieh, wie alt du bist.

Johann Wilhelm Ludwig Gleim

 

 

 

 

Dunkeln muß der Himmel rings im Runde,
Daß sein Sternenglanz zu leuchten wage;
Stürmen muß das Meer bis tief zum Grunde,
Daß ans Land es seine Perlen trage;
Klaffen muß des Berges offne Wunde,
Daß sein Goldgehalt ersteh' zu Tage:
Dunkle Stunden müssen offenbaren,
Was ein Herz des Großen birgt und Klaren.

Anastasius Grün

 

 

 

Bald vergehn des Lebens Herrlichkeiten,
Bald entflieht das Traumbild eitler Macht,
Bald versinkt im schnellen Lauf der Zeiten,
Was die Erde trägt in öde Nacht.
Lorbeern, die des Siegers Stirn umkränzen,
Thaten, die in Erz und Marmor glänzen,
Urnen, der Erinnerung geweiht,
Und Gesänge der Unsterblichkeit!

Friedrich von Matthisson

 

 

 

Wach auf!

Wehende Winde
Gehn über mich hin,
Wandernde Träume
Kreuzen den Sinn.
Ziehende Sehnsucht
Hemmt den Schritt,
Locket und winket:
Willst du nicht mit?
Wallen und wandern,
Weißt du wie einst?
Bist du so müde,
Liegst du und weinst?

Sonne stieg siegend
Aus Nebel und Nacht,
Fruchtende Erde
Ist froh erwacht.
Leuchtende Segel
Schmücken das Meer,
Schäumende Wellen
Wogen daher,
Raunen und rauschen
Ewigen Sang –
Bist du so müde,
Schläfst du so lang?

Lauschige Lauben
Im Dämmerlicht
Warten und schweigen –
Siehst du sie nicht?
Glühende Rosen
Blühen zum Kranz,
Jubelnde Geigen,
Klingen zum Tanz,
Lachende Lieder
Schlummern im Wein –
Kannst du nicht singen,
Bist du allein?

Alles muß kommen,
Alles muß gehn –
Kannst du's nicht zwingen,
Muß es geschehn!
Siegendes Leben
Geht seinen Lauf,
Einsame Thräne
Hält es nicht auf!
Heb die verweinten
Augen zum Licht –
Lebe dein Leben,
Fürchte es nicht!

Thekla Lingen

 

 

 

Blätter im Wind

Treibende Blätter im Wind,
Spielzeug der Lüfte wir sind.
Wo wir einst liegen in Orten und Zeiten,
Wo wir verwesen, hat nichts zu bedeuten;
Da wo wir saßen am Lebensbaum,
Hofft eine Knospe im Frühlingstraum.

Jakob Boßhart

 

 

 

 

Wendekreislauf

Nehmen wir Geschehn für Leben,
haben wir's nicht recht verstanden;
Menschenleben ist das Leben
so nur, wie wir es empfanden –

ja, so schwärmt' ich seelentrunken.
Wie mir alles wohlbehagte,
was ich fühlte, was ich sagte,
in mein Spiegelbild versunken!

Doch jetzt heißt es: mit den Zielen,
mit den Wegen sich beraten.
Zwar den Jüngling ehrt sein Fühlen,
doch dem Manne ziemen Thaten.

Altgeschehnes, Neuerfahrnes,
dunkel drängt es sich zusammen,
und wir wissen nicht zu scheiden
dieses Lodern seltner Flammen;

denn darunter lebt ein Glühen
seltenster Begebenheiten,
und man fühlt ein still Bemühen,
als ob Zeiten sich bereiten.

Nah schon, will der Sonnenwagen
wieder einen Kreis vollenden.
Wird er durch den Steinbock jagen?
wird er sich zum Krebse wenden?

Schaudernd scheint er still zu stehen
zwischen gleichen Finsternissen,
und nun scheint er sich zu drehen,
aber Du – wirst mitgerissen.

Richard Fedor Leopold Dehmel

 

 

 

Nützet sie weise, die seligen Stunden,
Pflücket die Rosen im Schimmer des Tau's!
Rasch, wie die flüchtigen, süßen entschwunden,
Welket die Blüte im Sturmesgebraus!
Kälter in Schmerzen
Werden die Herzen,
Stumm sind die Klänge, das Lied ist aus! –

Richard Schmidt-Cabanis

 

 

Prinzessin:
Wohl ist sie schön die Welt! In ihrer Weite
Bewegt sich so viel Gutes hin und her.
Ach, daß es immer nur um einen Schritt
Von uns sich zu entfernen scheint,
Und unsre bange Sehnsucht durch das Leben
Auch Schritt vor Schritt bis nach dem Grabe lockt!
So selten ist es, daß die Menschen finden,
Was ihnen doch bestimmt gewesen schien,
So selten, daß sie das erhalten, was
Auch einmal die beglückte Hand ergriff!
Es reißt sich los, was erst sich uns ergab,
Wir lassen los, was wir begierig faßten.
Es gibt ein Glück, allein wir kennen's nicht:
Wir kennen's wohl, und wissen's nicht zu schätzen.

Johann Wolfgang von Goethe

 

 

 

Freunde! Nicht taugt die Moral
Zum Lied, längst schwor ich sie ab;
Wen schert Vernunft, der einmal
Sich ganz der Tollheit ergab!
Kein Lied ist zu schlecht,
Wenn mit Huren man zecht,
Epikur stellt es fest.
Wird Apollo bekränzt,
Wenn uns Bacchus kredenzt?
Trinkt, lacht!
Zum Teufel den Rest!

Hundert Jahre versprach
Hippokrates jedem Kumpan.
Wird auch das Bein schließlich schwach,
Was kommt es uns darauf an?
Wenn nur die Hand bis zuletzt,
Die das Glas an die Lippe setzt,
Nicht locker läßt –.
Komme das Alter heran,
Stoßt mit mir an,
Trinkt, lacht!
Zum Teufel den Rest!

Wie er zur Welt kam, versteht
Vortrefflich ein jeder Wicht,
Aber fragst du, wohin er geht,
So weiß es der Klügste nicht.
Doch spar dir darob den Verdruß,
Überlaß dem Himmel den Schluß,
Daß wir sterben, steht fest.
Doch ist nicht minder gewiß,
Daß wir leben; das andre vergiß!
Trinkt, lacht!
Zum Teufel den Rest!

Honoré de Balzac

 

 

 

 

Lang hab' ich gelebt – doch vergebens wie viel!
Wie wenig ist übrig, wie nahe dem Ziel!
Die Zeit – wie viel Hoffnungen tötet ihr Lauf?
Der Tod – wie viel Banden, ach! löst er mir auf!
Wir sind so töricht, wenn's Leben noch steigt,
Wie müd' und wie trübe, wenn's abwärts sich neigt!

Robert Burns

 

 

 

 

Wer aber lebt, muß es klar sich sagen:
Durch dies Leben sich durchzuschlagen,
Das will ein Stück Rohheit.
Wohl dir, wenn du das hast erfahren
Und kannst dir dennoch retten und wahren
Der Seele Hoheit.
In Seelen, die das Leben aushalten
Und Mitleid üben und menschlich walten,
Mit vereinten Waffen
Wirken und schaffen
Trotz Hohn und Spott,
Das ist Gott.

Friedrich Theodor von Vischer

 

 


Willst du todt sein für die Mitwelt,
Um der Nachwelt Dank zu finden?
Nimmer duften dir die Kränze,
Die sich um den Grabstein winden.

Darum stirb nicht um zu leben,
Sondern lebe bis zum Sterben,
Und die Sorge um die Zukunft
Überlasse deinen Erben.

Ernst Kliemke

 

 

 

Einmal will ich, das versprech ich, ohne Liebgekose leben,
Wenn die Blumen hier im Garten nach den Tafeln Mose leben,
Hör ich abends auf den Straßen einen Vogel, eine Flöte,
Sag ich bei mir selbst: Es möge dieser Virtuose leben!
Freund! es ist der Lenz gekommen, unsre Wege sind verschieden:
Lebe wie die keusche Lilie, laß mich wie die Rose leben!
Weil auf dieser harten Erde mancher Stoß und Schlag zu dulden,
Wolle keiner, wie die zarte, weichliche Mimose leben!
Laßt mich euren Rat vernehmen, was das Beste sei von zweien:
Weise leben, lose reden? Weise reden, lose leben?
Wollt ihr mich durchaus verkennen, tut es immerhin, denn immer
Werd ich, ob ich lächle drüber, oder mich erbose, leben!

August Graf von Platen Hallermund

 

 

 

Das Leben magst du wohl vergleichen einem Feste,
Doch nicht zur Freude sind geladen alle Gäste.
Gar manchen, scheint es, lud man nur, um die Beschwerde
Zu übertragen, daß die Lust den andern werde.

Den Esel lud man einst zu diesem Hochzeitsschmause,
Weil es zu tragen Holz und Wasser gab im Hause.
Der Esel dachte stolz, geladen bin ich auch,
Jawohl, beladen mit dem Tragreff und dem Schlauch.

Friedrich Rückert

 

 

 

Bedenk', bedenk', o Menschenkind,
Dein Leben ist wie Spreu im Wind,
Der Tod hat schnelle Flügel!
Wer weiß, wie bald der Morgen graut,
Wo man das letzte Haus dir baut,
Sein Dach auf grünem Hügel.
Was jagst du mit so viel Beschwer
Nach Gold und Macht, nach Ruhm und Ehr?

Julius Karl Reinhold Sturm

 

 

 

 

 

 

 

Hoff' nicht allzu viel vom Leben:
Was im Überfluß zu geben
Manchmal es verspricht,
Hält es schließlich nicht!

Doch verzag' auch nicht am Leben:
Was es nie versprach zu geben,
Gibt es plötzlich oft
Reich und unverhofft!

Verfasser unbekannt

 

 

 

 

Lebenszweck

Hilflos in die Welt gebannt,
Selbst ein Rätsel mir,
In dem schalen Unbestand,
Ach, was soll ich hier?

– Leiden, armes Menschenkind,
Jede Erdennot,
Ringen, armes Menschenkind,
Ringen um den Tod.

Marie Freifrau von Ebner-Eschenbach

 

 

 

Streiflichter und Schlagschatten
Schlaffheit, Stumpfsinn überall,
Langeweile, Unbehagen,
Unter hohler Floskeln Schwall
Schlechtverhehltes Selbstverzagen,
Toller Luxus, Schwindelei,
Statt Genuß – Betäubung, Leere,
Der Verarmung Riesenschrei
Bei des geist'gen Druckes Schwere;
Knechtsinn und Prostitution,
Schmutz und übertünchter Firnis,
Dogmenstreit für Religion
Und für Recht – Ukasen-Wirrnis,
Mechanismus statt Genie,
Und kein Fünkchen Poesie.

Friedrich Wilhelm Wanderer

 

 

 

Wohl fühl ich, wie das Leben rinnt

Wohl fühl ich, wie das Leben rinnt
Und daß ich endlich scheiden muß,
Daß endlich doch das letzte Lied
Und endlich kommt der letzte Kuß.

Noch hing ich fest an deinem Mund
In schmerzlich bangender Begier;
Du gibst der Jugend letzten Kuß,
Die letzte Rose gibst du mir.

Du schenkst aus jenem Zauberkelch
Den letzten goldnen Trunk mir ein;
Du bist aus jener Märchenwelt
Mein allerletzter Abendschein.

Am Himmel steht der letzte Stern,
O halte nicht dein Herz zurück;
Zu deinen Füßen sink ich hin,
O fühl's, du bist mein letztes Glück!

Laß einmal noch durch meine Brust
Des vollsten Lebens Schauer wehn,
Eh seufzend in die große Nacht
Auch meine Sterne untergehn.

Theodor Storm

 

 


Die kommenden Tage

Es weht ein Gespinst um die Brunnen der Nacht,
Drin flattern die Wünsche des Lebens,
Die einen so glühend, die andern so sacht
Im Dunkel erwacht –
Die Nornen sie wirken's und weben's.

Versunken in brütenden Gründen, was war,
Was sein wird, entbrodelt den Tiefen –
Es steigen die Stunden, es jüngt sich das Jahr,
Aufschimmert die Schar
Der Tage, die schattenhaft schliefen.

Nun schlürfen sie Blut an den Brüsten der Zeit,
Schon wiehert das Kampfroß der Frühe,
Der Hahn schlägt weitauf die Flügel und schreit
In die Ewigkeit,
Und Flut rauscht aufs Mühlrad der Mühe.

Karl Friedrich Henckell

 

 

Die Weltreihen

Was ist unser thun auff Erden?
An die Welt geboren werden:
Sprach- und ganglos in der wiegen
Sonder eigne hülffe liegen:
Kriechen / lauffen / stehen / sizen /
Hungern / dürsten / frieren / schwizen:
Eitle müh und arbeit tragen:
Sich mit vielen sorgen plagen:
Und zu letzt den geist aufgeben:
Wiedrum staub' und asche werden /
Das ist unser thun auff Erden.

Johann Grob

 

 

Wo ruhig sich und wilder
Unstete Wellen teilen,
Des Lebens schöne Bilder
Und Kläng verworren eilen,
Wo ist der sichre Halt? –
So ferne, was wir sollen,
So dunkel, was wir wollen,
Faßt alle die Gewalt.

Joseph Karl Benedikt Freiherr von Eichendorff

 

 

 

Geh' deinen Weg
Auf rechtem Steg,
Fahr' fort und leid',
Trag' keinen Neid,
Bet', hoff' auf Gott
In aller Noth,
Sei still und trau,
Hab' acht und schau;
Groß' Wunder wirst du sehen.

Nikolaus Selnecker

 

 

 

Berherzt im Leiden,
Im Glück bescheiden,
Gerecht in beiden
Der armen Welt,
Der viel verspricht
Und wenig hält;
Doch ob sie bricht,
Ob stählt den Mut
Nur immer tut
Gar wohl bestellt,
Was Gott gefällt.

Marie Freifrau von Ebner-Eschenbach

 

 

 

 

In meine stillen Träume

In meine stillen Träume
schleichst du dich allnächtlich ein,
dein Haupt sinkt an meine Schulter,
der Mond blickt durchs Fenster herein.

Vor meinem Lager duften
die Rosen berückend schwül;
ich berge verwirrt mein Antlitz
in dem seidenen Spitzenpfühl.

Du bist ja zu mir gekommen
im Traume, in der Nacht;
da ist in mir Unglückseligen
die Leidenschaft neu erwacht.

Die Gluten, die schlummermüden,
schlugen zur Flamme empor,
ich suche im Traume das Leben
und finde verschlossen das Tor.

Else Galen-Gube

 

 

Die Ruine

Was war da versammelt für Herrlichkeit?
Was hat da verblutet für Herzeleid?
Da war aller Lust, allem Leide gerecht
Im Kommen und Gehen manch stolz' Geschlecht
Vor alter Zeit!

Die Mauern, die öden, sie ragen weit,
Kein Hall mehr in ihnen von Lust noch Streit;
Die Chronik erzählet wohl manche Mär',
Die Steine verschweigen Nutz und Lehr'
Aus alter Zeit!

Und wenn dann dich, Wandrer, hinabgeleit't
Die Wehmut ob menschlicher Nichtigkeit,
Bedenke, wie wenig an Frist vergeht,
So wird auch veröden die unsre Statt'
Gleich alter Zeit!

Der Ort, wo du liefest im Kinderpfaid,
Der Hain, wo du küßtest die erste Maid,
Der Saal, der einst Zechern das Echo gab,
Veröden, sowie auch dein Mal am Grab,
Alt deine Zeit!

Dann wallen wohl andre von Wegen weit
Den Stätten zu unsrer Vergangenheit
Und seufzen, wie einst wir, aus banger Brust:
Wie sind wir der Sonne so kurz bewußt,
Wie keine Zeit!

Ludwig Anzengruber

 

 

Das Leben ist ein Traum

Das Leben ist ein Traum!
Wir schlüpfen in die Welt und schweben
Mit jungem Zehn
Und frischem Gaum
Auf ihrem Wehn
Und ihrem Schaum,
Bis wir nicht mehr an Erde kleben:
Und dann, was ist's, was ist das Leben?
Das Leben ist ein Traum!

Das Leben ist ein Traum!
Wir lieben, uns're Herzen schlagen,
Und Herz an Herz
Geschmolzen kaum,
Ist Lieb' und Scherz
Ein lichter Schaum,
Ist hingeschwunden, weggetragen!
Was ist das Leben? hör' ich fragen:
Das Leben ist ein Traum!

Das Leben ist ein Traum!
Wir denken, zweifeln, werden Weise;
Wir theilen ein
In Art und Raum,
In Licht und Schein,
In Kraut und Baum,
Studiren und gewinnen Preise;
Dann, nah' am Grabe, sagen Greise:
Das Leben ist ein Traum!

Johann Wilhelm Ludwig Gleim

 

 

 

Warum klagst du, Pilger dieser Erden?
Förd're muntern Schrittes deinen Lauf!
Sinkt der Tag, so muß es Abend werden,
Und der Stern der Hoffnung geht dir auf.

Ungestört ruht dann der Lebensmüde,
Ausgekämpft ist nun der schwere Streit.
Aufwärts schaun in die Unendlichkeit
Über Gräbern wohnt der wahre Friede.

Unbekannt

 

 

Nacht

Das Tal ist ertrunken in Nacht,
Die taglang Mühsal vollbracht.
Nur des Bergbachs Schwellen und Dämpfen
Mahnt an das zeitlose Ringen und Kämpfen
Der Lebensschlacht.

Ein einziger bebender Schimmer durchbricht
Das Dunkel. Ist es ein Totenlicht?
Ist es ein Grüßen der Erde hinauf
Zu den Geschwistern im Sternenlauf?
Oder ein Hoffen des Ewig-Blinden,
Oben erlösende Wahrheit zu finden?

Rings um die Seele ist Nacht,
Drin ist ein Funken entfacht,
Möchte die Finsternis siegreich zerstreuen,
Über erloschenen Sternen die neuen,
Schlackenbefreiten mit Macht entzünden
Und ob der Seele zum Himmel ründen.

Jakob Boßhart

 

 

An das Leben

Wieviel, o Leben, dank ich dir,
Du Lehrer groß vor allen,
Ob auch dein Rat nicht immer mir
Im Augenblick gefallen.

Du wiesest mir so manche Kunst,
Die keine Meister lehren.
Du zeigtest mir als eitel Dunst,
Was viele heiß begehren.

Nun bitt ich um das Eine dich.
O woll mirs nicht versagen!
Die letzte Kunst noch lehre mich:
Mit heiterm Sinn entsagen!

Georg Jacob Friedrich Paulus Hermann Dechent

 

 

 

 

Wohl hatt' ich eine schöne Zeit,
Wohl eine Zeit, in der ich lebte,
In der ich Lieb' und Seligkeit
An hold gegönntem Munde bebte.

Kein Leben war das Übrige,
Nur sinnberaubte, dumpfe Leere,
Nur eine Zeit, in welcher ich
Das leere Nichts, den Tod erlebte.

Georg Friedrich Daumer

 

 

 

Leben

Leben, wie ich's wend' und wäge,
Immer bleibt der alte Schluß:
Lieber deine härtsten Schläge
Als des Todes weichsten Kuß.

Jedem läßt du Sterne funkeln,
Diesem hell und jenem bleich.
Nur das Grab ist stets im Dunkeln,
Siegern und Besiegten gleich!

Georg Busse-Palma

 

 

 

Vergänglichkeit

Menschlichem Elend wäre es eine Linderung,
Sänken die Dinge wie sie stiegen,
Langsam; doch oft begräbt ein schneller Umsturz
Hohe Gebäude.

Lange beglückt stand nichts; der Städt' und Menschen
Schickungen stiegen immer auf und nieder;
Jahre bedarf ein Königreich zu steigen,
Stunden zu fallen.

Du, der du selbst des Todes Opfer sein wirst,
Nenne darum nicht, weil die Zeit im Stillen
Menschen und Menschenwohnungen zerstöret,
Grausam die Götter.

Die dich zum Leben rufte, jene Stunde
Rufte zum Tode dich. Der lebte lange,
Wer an Verdienst und Tugend sich ein ewig
Leben erworben.

Matthäus Casimir Sarbiewsky

 

 

 

Schnellzug

Auf dieser Lebensbahn
rattert es drauf und dran
in schnellem Zug.
Und meine Melodie
macht es, ich weiß nicht wie,
zu einem Trug.

Draußen das liebe Land,
das noch nicht stille stand,
wie es sich dreht!
Alles bleibt mir versäumt,
alles bleibt ungeträumt,
alles vergeht.

Man wird vom Schauen stumpf,
hier drin die Luft ist dumpf,
draußen ist's schön.
Dann wird die Zeit mir lang,
dann wird mir wieder bang
vor dem Vergehn.

Welch eine Menschennot
schlägt sich die Zeit hier tot
auf ihre Art.
Hier drin ist nichts wie Schmutz,
und ich bin voller Trutz.
Welch eine Fahrt!

Doch was auch quält und närrt,
ich bleibe eingesperrt
bis an das End',
Wollte mich gern befrein,
wollte die Landschaft sein,
die rückwärts rennt!

Karl Kraus

 

 

All unser Schaffen ist ein ew'ges Ringen,
Und nicht das Kleinste können wir gestalten,
Wenn wir zuvor der feindlichen Gewalten,
Die drohend uns umgeben, nicht bezwingen.

Das Wasser droht uns heulend zu verschlingen;
Der Felsen trotzt, durch eigne Kraft gehalten,
Die Flamme zuckt hervor aus dunklen Spalten,
Und sausend schlägt der Sturm die Riesenschwingen.

Und wurden wir der Elemente Meister,
Dann tritt der Mensch dem Menschen stolz entgegen,
Und in dem Kampfe messen sich die Geister.

Und haben wir auch hier den Sieg errungen,
Lohnt uns doch dann erst des Gelingens Segen,
Wenn wir im schwersten Kampf uns selbst bezwungen.

Johannes Sturm

 

 

 

Siehe, auch ich – lebe

Also ihr lebt noch, alle, alle, ihr,
am Bach ihr Weiden und am Hang ihr Birken,
und fangt von neuem an, euch auszuwirken,
und wart so lang nur Schlummernde, gleich – mir.

Siehe, du Blume hier, du Vogel dort,
sieh, wie auch ich von neuem mich erhebe…
Voll innern Jubels treib ich Wort auf Wort…
Siehe, auch ich, ich schien nur tot. Ich lebe!

Christian Morgenstern

 

 

 

Die Schwimmer

Das Leben ist ein stürmisch Meer;
Wir schweben hin, wir schweben her,
Wir streben schwer durchs Leben!
O Thor, so wirf die Bürden schwer,
Die Sorgenbürden wirf ins Meer!
Wir leichter, nacket sterben!

Johann Gottfried von Herder

 

 

 

An einen jungen Freund

Nimm dieses Leben nicht so ernst!
recht spaßhaft ist's im allgemeinen…
Je besser du es kennenlernst,
je muntrer wird es dir erscheinen.

Kein Drama ist's im großen Stil –
wie du dir denkst – mit Schuld und Sühne;
es ist ein derbes Possenspiel
auf einer Dilettantenbühne.

Zwar wär's nicht halb so jämmerlich,
wenn nur die Leute besser spielten,
und wenn die Lustigmacher sich
nicht immer für die Helden hielten.

Heinrich Leuthold

 

 


Seele, die du unergründlich
Tief versenkt, dich ätherwärts
Schwingen möchtest und allstündlich
Dich gehemmt wähnst durch den Schmerz,
An den Taucher, an den stillen,
Denke, der in finstrer See
Fischt nach eines Höhern Willen.
Nur vom Atmen kommt sein Weh.
Ist die Perle erst gefunden
In der öder Wellengruft,
Wird er schnell emporgewunden,
Daß ihn heitre Licht und Luft.
Was sich lange ihm verhehlte,
Wird ihm dann auf einmal klar,
Daß, was ihn im Abgrund quälte,
Eben nur sein Leben war.

Christian Friedrich Hebbel
 

 

 

Am Meerufer

Und Welle kommt und Welle flieht,
Und der Wind stürzt sein Lied,
Schaumwasser spielt an deine Schuhe
Knie nieder, Wandrer, ruhe.

Es wälzt das Meer zur Sonne hin,
Und aller Himmel blüht darin.
Mit welcher Welle willst du treiben?
Es wird nicht immer Mittag bleiben.

Es braust ein Meer zur Ewigkeit,
In Glanz und Macht und Schweigezeit,
Und niemand weiß wie weit –
Und einmal kommst du dort zur Ruh,
Lebenswandrer, Du.

Gerrit Engelke

 

 

 

Rätsel

Bald ist's von dieser, bald von jener Sorte:
dort gilt's der Silbe, hier gilt es dem Worte.
Leicht läßt es dich in alle Ferne schweifen,
wiewohl grad nur das Nächste zu ergreifen.
Bescheiden steht's und wartet in der Ecke,
bis du den Sinn holst aus dem Wortverstecke.
Wenn endlich dir die Lösung glücken soll,
sei zu bedenken dieses dir gegeben:
gelöst wär' nur die eine eben,
jedoch fast jedes Ding im Leben,
es bleibt dir leider dessen voll.
Ja mehr als das – ich wag es auszusprechen
und will dich warnen, ehe es zu spät –,
dies eine selbst, es lohnt kein Kopfzerbrechen:
denn Rätsel bleibt es, wenn man's auch errät.

Karl Kraus
 

 

 

Unglücksrabe

So oft ich der alten Nachbarin
In ihrem Shawltuch begegnet bin,
Wenn die Sonne grade recht hell gestrahlt,
Als bekäm sie's heute extra bezahlt –
Dann zeigte die alte Nachbarin
Mit der welken Hand nach dem Himmel hin
Und kniff den Mund so besonders ein,
Als biß sie in etwas Saures hinein,
Und meinte: "Wenn's nur so bleibt!"

So ist's mir im Leben mit Vielen ergangen,
Die wußten mit Freude nichts anzufangen
Und riefen in jeden Sonnenschein
Ihr krächzendes "Wenn's nur so bleibt" hinein!
Sie hätten am liebsten der ganzen Welt
Das arme bißchen Lachen vergällt
Und trauen noch in der Grabesruh
Dem Herrgott den ewigen Frieden nicht zu
Und meinen: "Wenn's nur so bleibt!"

Anna Ritter
 

 

 

Vorsatz

Den flüchtigen Tagen
Wehrt keine Gewalt;
Die Räder am Wagen
Entfliehn nicht so bald.

Wie Blitze verfliegen,
So sind sie dahin,
Ich will mich vergnügen,
Solang ich noch bin!

Johann Wilhelm Ludwig Gleim
 

 

 

Gebet an das Leben

Gewiß, so liebt ein Freund den Freund
wie ich dich liebe, rätselvolles Leben!
Ob ich in dir gejauchzt, geweint,
ob du mir Leid, ob du mir Lust gegeben,
ich liebe dich mit deinem Glück und Harme,
und wenn du mich vernichten mußt,
entreiße ich schmerzvoll mich deinem Arme,
gleich wie der Freund der Freundesbrust.

Lou Andreas-Salomé

 

 

 

Es lebt der Mensch,
Wenn's lang ist zwar,
Selten länger, denn achtzig Jahr,
Davon er zehn Jahre zubringt,
Nur weil er ißt und trinkt,
In Kurzweil und dergleichen Spiel
Der Schlaf wohl zwanzig Jahr hinnimmt,
Sechzehn bleibt der Mensch ein Kind,
Und ist nichts nutz zu solcher Zeit,
Mit Krankheit ist vier Jahr ein Streit,
Bleibt also nur der vierte Teil
Vom Alter bis zum Seelenheil.

Verfasser unbekannt

 

 

 


Menschenleben – ach!
Leben überhaupt – ist Dichtung.
Uns selber unbewußt leben wir es, Tag um Tag
wie Stück um Stück, – in seiner unantastbaren
Ganzheit aber lebt es, dichtet es uns.
Weit, weitab von der alten Phrase vom
›Sich-das-Leben-zum-Kunstwerk-machen‹;
wir sind nicht unser Kunstwerk.

Lou Andreas-Salomé
 

 

 

Die Gegenwart

Kurz, ach kurz ist diese Spanne Leben!
Und – wie's unsichtbare Hände weben,
Bleibt's, o Sterblicher! gewebt.
Nichts ist, das den kalten Boten ferne;
Eilend kommt und löscht er die Laterne:
Wer gelebt hat, hat gelebt. –

Leere denn des Lebens vollen Becher
Still und fröhlich, eh' das Lämpchen schwächer,
Dem Verlöschen näher scheint.
O genieß, genieß, was dir beschieden;
Gönne deinem armen Herzen Frieden:
Sey, o Mensch! dein eigner Freund.

Laßt uns froh das Heute heute nützen,
Nur genießen heißt wahrhaft besitzen;
Wer nur sehnend vorwärts strebt,
Immer aus der Zukunft Füllhorn naschet,
Wer die Gegenwart nicht eilend haschet,
Hat geträumt, hat nicht gelebt.

Leb', o lebe; denn mit raschem Schritte
Eilt der Bote vom Palast zur Hütte,
Löscht, wie's kommt, die Fackel, strebt
Jeglichen Moment nach neuer Beute:
Willst du leben, thu es heute, heute!
Wer gelebt hat, hat gelebt.

Karoline Christiane Louise Rudolphi
 

 

 

Welttheater

Der klügste Direktor ist Gottvater!
Er leitet geschickt das Welttheater.
Zwar gibt er immer das gleiche Stück,
Doch hat er einen himmlischen Trick:

Er läßt, wenn eine Reihe um,
Entstehn ein neues Publikum,
Das von Jahrhundert zu Jahrhundert
Das alte Stück als neu bewundert.

Julius Bauer
 

 

 

Im Lauf des Lebens

Oft muß ich denken: Wie mein Haar ergraut!
Sind denn noch immer blühend meine Wangen?
Wie wenn ein Wanderer nach rückwärts schaut
Und zu sich spricht: Wie bin ich weit gegangen!
Dann drängt inbrünstiger noch mein Gefühl
Sich zu dem Heute, das noch nicht entschwebte,
Und der Vergangenheit enttaucht so kühl,
Was ehedem so schmerzlich ich durchlebte.
So kommt ein Freund, den du verlorst, vielleicht
Von ungefähr dir übern Weg nach Jahren,
Und während fragend man die Hand sich reicht,
Schweigt man von allem doch, was man erfahren.
Die Augen nicken sich wohl grüßend zu,
Wie voll Bedauern, aus gesenkten Lidern;
Das Herz spricht unvernehmlich: Bist es du?
Und fühlt sich fremd und weiß nichts zu erwidern.

Hedwig Lachmann
 

 

 

Täuscht das Leben dich, verzage,
Zürne nicht, so weh es tut!
Faß am Trauertage Mut:
Glaub, es kommen Freudentage.

Zukunft unser Herz erfüllt,
Leid nimmt Gegenwart gefangen:
Alles ist so rasch vergangen;
Was vergangen ist, wird mild.

Alexander Sergejewitsch Puschkin
 

 

 

 

Königslied

Darfst das Leben mit Würde ertragen,
nur die Kleinlichen macht es klein;
Bettler können dir Bruder sagen,
und du kannst doch ein König sein.

Ob dir der Stirne göttliches Schweigen
auch kein rotgoldener Reif unterbrach, -
Kinder werden sich vor dir neigen,
selige Schwärmer staunen dir nach.

Tage weben aus leuchtender Sonne
dir deinen Purpur und Hermelin,
und, in den Händen Wehmut und Wonne,
liegen die Nächte vor dir auf den Knien ...

Rainer Maria Rilke

 

 

 

Der Sucher

Such – such
suche immer nach dem Geld.
Dann kommt es an.
Such – such
such es auf der ganzen Welt!
Denk immer dran!
Krieche ihm nach.
Leck auf seine Spur!
Sei nicht schwach –
denk immer nur:
Verdienen! Verdienen! Verdienen!
Verdienen! Verdienen! Verdienen!
Ernst ist die Spekulation.
Aber lieben – aber lieben –
aber lieben mußt du es schon.

Such – such
suche immer den Erfolg.
Dann kommt er an.
Pfeif – pfeif –
pfeife auf das ganze Volk!
Tritt auf den Vordermann!
Schmeichle der Macht!
Sag immer ja.
Bei Tag und bei Nacht
Halleluja – Hurra!
Nach oben! Nach oben! Nach oben!
Nach oben! Nach oben! Nach oben!
Geld winkt dir als Lohn.
Aber lieben – aber lieben –
aber lieben mußt du es schon.

Such – such –
suche immer nach dem Glück.
Dann kommt es – wenn es will.
Dein Herz
ist ein Serienstück;
einmal steht es still.
Wenn du dich dann
nach dem goldnen Tanz
praesentierst
zur großen Bilanz:
"Ich hoffe, man wird mich hier loben!
Da unten lag ich immer oben!"
Kann sein, daß die Stimme spricht:
Mensch, dein Leben –
Mensch, dein Leben –
Ja, ein Leben war das nicht.

Kurt Tucholsky
 

 

 

Trost

Bald denke ich, welch böse Zeit,
das Ende wahrlich ist nicht weit;
Bald denke ich: Laß es geschehn,
ist es genug, wird's besser gehn.
Doch mach ich einen frohen Gang,
tönt wie ein Lied der Vögel Sang,
vernehm ich in mir eine Stimm':
"Getrost, es ist ja nicht so schlimm!"

Johann Peter Hebel
 

 

 

An einen berühmten Mann

Dir ist so vieles gelungen,
Wonach ich im Leben gestrebt;
Du hat das Schicksal bezwungen,
Vor dem so mancher erbebt.
Mein Name ist lange verklungen,
Wenn deiner in Ehren noch lebt. –
Und doch hab' ich Bessres errungen:
Ich habe ein Leben gelebt.

Georg Jacob Friedrich Paulus Hermann Dechent

 

 

 

 

Was nennt ihr Leben?

Das alltägliche Geschäft des Daseins,
Sommer, Herbst und Winter.
Und wieder Frühling kommen sehn,
und wieder die Blumen morgen welken sehn,
die gestern in bunter Frische glühten?
Wenn die Jugend hinweggeschäumt ist,
mit gelieh'ner Glut den trägen Lauf des greisen Blutes zu spornen?
Das wär's allein, was uns die süße Mühe des Atmens wert macht?
Nein, mein Freund, es ist ein anderes.
Es ist der stille Blick,
den wir zurück in's Herz tun
– wenn wir dort ein trauliches Gebäude uns erbaut
von Wünschen, Hoffnungen und Erinnerungen.
Wenn wir zurück in dieses Haus uns flüchten können,
bei der Zeiten Wetter, dann ruht sich's sanft im Schoß des Daseins aus.

Michael Beer
 

 

 

Das Leben des Menschen

Das Leben ist ein Laub,
das grünt und falbt geschwind,
ein Staub, den leicht vertreibt der Wind,
ein Schnee, der in dem Nu vergehet,
ein See, der niemals stille stehet,
die Blum', die nach der Blüt' verfällt,
der Ruhm, auf kurze Zeit gestellt,
ein Gras, das leichtlich wird verdrücket,
ein Traum, der mit dem Schlaf aufhört,
ein Schaum, den Flut und Wind verzehrt,
ein Heu, das kurze Zeit bleibet,
die Spreu, so mancher Wind vertreibet,
ein Kauf, den man am End bereut,
ein Lauf, der schnaufend schnell erfreut,
ein Wasserstrom, der pfeilt geschwind,
ein Wasserblas, die bald zerrint,
ein Schatten, der uns macht schabab,
die Matten, die gräbt unser Grab.

Georg Philipp Harsdörffer
 

 

 

Trübe Ahnung

Verlaßner werde ich mit jedem Jahr,
und nun verlor ich auch mein bestes Lied. –
Ich saß bei einem Kognak an der Bar
so düster, daß mich jedes Mädchen mied.

Dann ging ich durch die Stadt. Die Nacht war mild.
Es war, als ob mein Vater mit mir sprach.
Jetzt hock ich trostlos unter deinem Bild
und traure dem versäumten Leben nach.

Das war ein Fest … ein Kleid im Wind … ein Wink…
und immer eine Schwermut, die uns schied,
zuletzt nur wieder dies: "Vergiß und trink!"
Und nun verlor ich auch mein bestes Lied.

War doch mir Liebeslust noch prophezeit,
und daß die Schicksalswege sich erneun –
zu spät erblühte diese Glücklichkeit
und könnte meinen Herbst nicht mehr erfreun.

Denn herbstlich geh ich mitten durch den Mai,
der als ein Spuk an mir vorüberzieht,
als wisse er, daß dies der letzte sei.
Verloren ist mein Leben und mein Lied.

Max Herrmann-Neiße
 

 

 

Der Kampf um's Dasein

Es wandelt der Neuzeit gewaltiger Fortschritt
In oft viel Staub aufwirbelndem Wortschritt,
Wobei Mancher die kühnsten Sprünge wagt,
Ohne selbst recht zu wissen, was er sagt.

"Der Kampf um's Dasein" heißt die Phrase
Als Schlagwort der neuen Erkenntnisphase,
Und wirklich ist, wie man's erkor,
Dies Wort ein Schlag auf's deutsche Ohr,
Der das Gehör gleich wirksam dämpft
Beim Eingang zur Erkenntnispforte.
Wer hat um's Dasein je gekämpft?
In welcher Zeit? an welchem Orte ?

Bewußtlos ward es uns gegeben
Mit unserm ersten Atemzug.
Wir kämpften nur, um fortzuleben.
Und Mancher hat gar bald genug
An diesem Kampf und sucht der Zuchtwahl
Samt den Gesetzen der Vererbung
Und alles Erdenglücks Erwerbung,
Sich zu entziehn durch freie Fluchtwahl
Aus dieser Kampfeswelt, die schmerzlos
Niemand betritt und Niemand flieht,
Und wo nur glücklich ist, wer herzlos
Auf all' das Elend um sich sieht.

Friedrich Martin von Bodenstedt
 

 

 

Kreisgang

Die Wege, die ich bisher ging,
in Kreisen sind sie alle mir zerronnen.
Vor dem, woran mein Auge gestern hing,
steh ich heut wieder staunend und versonnen.

Und meine Seele fühlt es tief: ich bin
vor vielen Jahren alles dies gewesen,
aus seinen Formen kann mein wacher Sinn
das Schicksal meines ganzen Daseins lesen.

Dies wegbeleuchtend Schauen hier
verkündet meinem Leben froh und weise:
du bist der stumme Gegenstand vor dir
und bist zugleich der Wanderer im Kreise.

Alfons Petzold
 

 

 

Sie sähn es gern, ich würde kirre

Sie sähn es gern, ich würde kirre
und beugete mich niederwärts;
sie machten gern mein tapferes Herz
in seinem stolzen Glauben irre.

Sie sagten mir: Es ist vergebens,
du änderst nicht den Lauf der Welt;
Knecht bleibt sie doch! Und dir vergällt
hast du den Sommer deines Lebens.

Wohl, sei es so! Sich fügen lerne,
wem Fügsamkeit genügen kann,
auch Demut schmücket ihren Mann:
Ich aber folge meinem Sterne!

Da hilft kein Rat, da ist kein Wählen,
Ich kann nicht anders, wollt' ich auch:
Die Freiheit ist mein Lebenshauch,
sie ist die Seele meiner Seelen!

So laßt mich meine Bahn vollenden,
wie sie auch sei, mein Ziel ist mein;
ja, sollt' es auch ein Irrweg sein,
ich will ihn doch mit Ehren enden.

Robert Eduard Prutz
 

 

 

Das Leben ist ein Instrument,
Von Gott uns in die Hand gegeben;
Von ihm zur Wahrheit und Verstand
Ganz rein gestimmt, nur Harmonien
Für Geist und Herz daraus zu ziehen,
Das überließ er uns'rer Hand.

Christoph August Tiedge
 

 

 

Und die Menschen sind ja gut
Lassen uns nicht sterben,
Pflegen uns in treuer Hut,
Daß wir nicht verderben.

Lieber Frühling, schweige still –
Ist nicht viel dahinter,
Wer von Herzen blühen will,
Blüht auch noch im Winter!

Hermann Rollett
 

 

 

Leben ohne Eitelkeit

Sieh, mein Außenbild ist fügsam,
sieh, mein Haben, so genügsam,
achtet wohl des Gleichgewichts.
Hat es wenig, dankt für viel es,
wahrt des Weges, Maßes, Zieles
und Verzichts.

Doch mein Innensein verzichtet,
eh es sich genügsam richtet,
achtet nicht des Gleichgewichts.
Immer steig' es oder fall' es,
hat es vieles, will es alles
oder nichts!

Karl Kraus
 

 

 

 


Junge Knospen und falbes Laub,
Ruhende Sterne und wirbelnder Staub,
Freude zuweilen und gleiche Qual,
Ein ewiges Steigen zu Berg und Thal,
Getrennte Netze wieder zu weben –
Wir nennen es Leben!

Pier Ambrogio Curti

 

 

 

Leichter Sinn

Und wie wär' es nicht zu tragen,
Dieses Leben in der Welt?
Täglich wechseln Lust und Plagen,
Was betrübt und was gefällt.
Schlägt die Zeit dir manche Wunde,
Manche Freude bringt ihr Lauf;
Aber eine sel'ge Stunde
Wiegt ein Jahr von Schmerzen auf.

Wisse nur das Glück zu fassen,
Wenn es lächelnd dir sich beut!
In der Brust und auf den Gassen
Such es morgen, such es heut.
Doch bedrängt in deinem Kreise
Dich ein flüchtig Mißgeschick,
Lächle leise, hoffe weise
Auf den nächsten Augenblick.

Nur kein müßig Schmerzbehagen!
Nur kein weichlich Selbstverzeihn!
Kommen Grillen, dich zu plagen,
Wiege sie mit Liedern ein.
Froh und ernst, doch immer heiter
Leite dich die Poesie,
Und die Welle trägt dich weiter,
Und du weißt es selbst nicht, wie.

Emanuel Geibel
 

 

 

Ich lieb ein pulsierendes Leben

Ich lieb ein pulsierendes Leben,
das prickelt und schwellet und quillt,
ein ewiges Senken und Heben,
ein Sehnen, das niemals sich stillt.

Ein stetiges Wogen und Wagen
auf schwanker, gefährlicher Bahn,
von den Wellen des Glückes getragen
im leichten, gebrechlichen Kahn ....

Und senkt einst die Göttin die Waage,
zerreißt sie, was mild sie gewebt, –
ich schließe die Augen und sage:
Ich habe geliebt und gelebt!

Rainer Maria Rilke
 

 

 

Grauer Himmel

Grauer Himmel, trübe Tage,
Keine Lust und keine Plage,
Weder Sturm noch Sonnenglanz,
Grauer Stunden dunkler Kranz.

Wie ein Schiff auf stillem Meer
Todt und traurig treibt umher,
Wie ein Mühlrad ohne Bach
Still verharr' ich Tag auf Tag.

Manchmal muß es doch gewittern!
Manchmal muß das Herz erzittern!
Muß in Leid und Freud erheben!
Wie so öd' ist sonst das Leben!

Heinrich Seidel
 

 

 

Mit dem ›Du‹ im Herzen darf man schweigen,
Um so tiefer dann sein Innres zeigen,
Wenn die Stunde kommt, da ganz allein
Leben sich dem Leben drängt zu weihn…
Und es ist ein still beständig Wissen,
Und es ist ein ruhiges Vertrauen:
Unser Freundeskranz wird unzerrissen
Schweben in Maienlüften wie in rauhen
Sturmesnächten schlimmeren Geschicks…
Nein, es ist kein Rausch des Augenblicks,
Wie ihn rasches Jugendblut verdampft,
Keine Traumsaat, die der Tag zerstampft –
Wir belauschen unser altes Spiel
Und gedenken und besinnen viel…

Karl Friedrich Henckell

 

 

 

Was narrt mich immer das Leben!

Was narrt mich immer das Leben,
Sobald ich mich vorwärts richte,
Wenn müde ich bin zu verweilen
Im lustigen Heim der Gesichte?
Bin ich denn ein Fremder hier unten
Nicht für die Erde geboren,
Hat auf dem Weg zu den Sternen
Ein Engel hier mich verloren?
Nein! Nein, ich fühle hier drinnen:
Der Erde gehöre ich,
Das glühende Leben hier unten
Ist grade ein Leben für mich;
Und alle Gaben des Lebens
Umfass ich in meiner Brust,
Sowohl den bittersten Schmerz,
Wie auch die herrlichste Lust.
O! hätte ich Macht wie Willen
Und Willen dazu wie Lust,
Untergehn würde die Welt
Bei Flammen in meiner Brust!

Jens Peter Jacobsen
 

 

 


Nicht wünsch' ich zurück
Der Jugend Glück,
Ihr Träumen, Sehnen und Hoffen,
Als noch die Zukunft vor mir lag
Weit offen.

Ich habe gestrebt,
Solang ich gelebt,
Und viel gekämpft und gelitten,
Drum halt' ich wert, was ich als Preis
Erstritten.

Mir ist es genug,
Daß frei von Trug
Und Täuschung mir wurde beschieden
Im tiefsten Innern Harmonie
Und – Frieden.

Julius Karl Reinhold Sturm

 

 

 

 

Das menschliche Leben

Dieses Lebens großer Weg
Hat viel gefährliche Stellen.
Allem Unglück vorzubeugen,
Mein Teurer, verhalt ich mich so:
Ich spann an meinen sterblichen Wagen,
Den ich zum Grabe führe, zuerst
Gerechtigkeit, die stets auf rechtem Wege bleibt,
Und Liebe, sonder die es allzu langsam ginge.
Wahrheit, Unabhängigkeit,
Die bloß ein sanftes Leitseil dulden,
Gehn munter in der Mitt' und bleiben
Gern von des Reichtums Straß entfernt.
Gesundheit und ein gutes Gewissen
Hüpfen fröhlich voran
Und reißen mich an Stellen
Die tief und schlammig sind hindurch.
Nichts bleibt vom Glück und der Natur
Mir ferner zu erbitten übrig,
Als daß mein auserlesenes Gespann
So lang als selbst mein Wagen daure.

Johann Nikolaus Götz

 

 

 

 

Mein Leben ist nicht diese steile Stunde,
darin du mich so eilen siehst.
Ich bin ein Baum vor meinem Hintergrunde,
ich bin nur einer meiner vielen Munde
und jener, welcher sich am frühsten schließt.

Ich bin die Ruhe zwischen zweien Tönen,
die sich nur schlecht aneinander gewöhnen:
denn der Ton Tod will sich erhöhn –

Aber im dunklen Intervall versöhnen
sich beide zitternd.

Und das Lied bleibt schön.

Rainer Maria Rilke

 

 

 

 

Mir summt im Herzen ein leises Lied

Mir summt im Herzen ein leises Lied,
Ich wag es nicht zu beginnen,
Es ist zu traurig –

Und ein Gedanke mich durchzieht,
Ich wag' nicht ihm nachzusinnen,
Er ist zu schaurig.

Eine plötzliche Ahnung jedoch,
Die möchte ich wissen:
Ich werde beides noch
Erleben müssen!

Emil Claar

 

 

 

 

Das Leben

Von den Alten zu den Jungen
Muss das Leben wandern.
Was du gestern noch bezwungen,
Bezwingen morgen schon die andern.
Das Lied, das du gestern gepfiffen im Weitertraben,
Will schon morgen der andern Lippen haben.
Und dir entschwundene Augenblicke kannst du sehen,
Wie sie im Blut der Jungen auferstehen.
Darüber, seit ich's erfahre, muss ich die Hände falten,
Muss leiden, dass ich mich wandle, und lass es walten.
Das Leben – ach, einst da kam es umhalsend gesprungen,
Jetzt grüßt es noch im Vorüberschweben und geht zu den Jungen.

Max Dauthendey

 

 

 

 

Nächte

Ach Lust und Leid! Was ist die Lust
Der sehnsuchtsvollen Menschenbrust?
Ein Pilger, der, verirrt und matt,
Uns nachts um Kost und Lager fleht,
Und morgens, frisch und satt,
Ein Undankbarer von uns geht.
Nicht so die großgesäugte Pein:
Die fromme Schwalbe flattert heute
Nach Nahrung auf die Flur hinaus,
Und kehrt mit der errungnen Beute
Noch heute in ihr altes Haus:
So läßt, auf kurze Zeit der Schmerz
Ein warmes Nest, das Menschenherz,
Und kehrt mit der erjagten Nahrung,
Mit Hass und bitterer Erfahrung,
Ins alte traute Kämmerlein.

Karl Beck

 

 

 


Sinnender Spatenstich

Unter der Erde murkst etwas,
Unter der Erde auf Erden.
Pitschert, drängelt. – Was will das
Ding oder was wird aus dem Ding,
Das doch in sich anfing, einmal werden??

Knolle, Puppe, Keim jeder Art
Hält die Erde bewahrt,
Um sie vorzubereiten
Für neue Zeiten.

Die Erde, die so viel Gestorbenes deckt,
Gibt dem Abfall, auch Sonderlingen
Asyl und Ruhe und Schlaf. Und erweckt
Sie streng pünktlich zu Zwiebeln, zu Schmetterlingen.
Zu Quellen, zu Kohlen – – –

Unter der Erde murkst ein Ding,
Irgendwas oder ein Engerling.
Zappelt es? Tickt es? Erbebt es? –
Aber eines Tages lebt es.
Als turmaufkletternde Ranke,
Als Autoöl, als Gedanke – – –

Fäule, Feuchtigkeit oder feiner Humor
Bringen immer wieder Leben hervor.

Joachim Ringelnatz
 

 

 

 

Zwei kleine Worte

Es gibt viel Jammer in der Welt,
viel tausend gebrochene Herzen;
an allen Ecken und Enden hallt
der Aufschrei grosser Schmerzen.

Ein Elend aber kenne ich –
es kann kein größ'res geben;
zwei kleine Worte schließen's ein –
es heißt: Verfehltes Leben.

Ada Christen

 

 

Unglaublich, wie erträgt ein Herz,
Was schon zu denken unerträglich!
Hinhalten Hoffnungen den Schmerz,
Ihn brechend, den sie steigern täglich.

Man hofft und hofft, bis hoffnungslos
Geworden das geliebte Leben,
Dann gibt man auf die Hoffnung blos,
Das Leben war schon aufgegeben.

Friedrich Rückert

 

 


Ich will den Sturm!

Ich will den Sturm, der mit den Riesenfäusten
Vom Boden der Alltäglichkeit mich reißt
Und mich hinauf in jene Höhen schleudert,
Wo erst das Leben wahrhaft Leben heißt!

Ich will den Sturm, der mit gewaltgem Athem
Zur lichten Gluth die stillen Funken schürt
Und, alle Kräfte dieser Brust entfesselnd,
Zum Siege oder zur Vernichtung führt!

Laß mich nicht sterben, Gott, eh meine Seele
Ein einzig Mal in Siegeslust gebebt –
Ich kann nicht ruhig in der Erde schlafen,
Eh ich nicht einmal, einmal ganz gelebt!

Anna Ritter

 

 

 

Die ersten Jahre deines Lebens
bist du Regen
und weisst es nicht

 

Dann die Jahre
in denen du strömst
allen Widerständen entgegen
in denen du suchst
deinen eigenen Lauf
in denen du wirst
Bach Fluss Strom

Dann die Jahre
in denen du bist
Meer
in sich machtvoll wogend und stürmisch
in sich angekommen still und weit

Und dann die Jahre
in denen du sinkst
weg vom Licht
weg vom Regen
hinab an den Grund
und du weisst es nicht

An Agni Smidah

 

 

 

 

Lebenslied.

 

Steh und falle mit eignem Kopfe,
Thu das Deine, und thu es frisch!
Besser stolz an dem irdnen Topfe
Als demüthig am goldnen Tisch:
Höhe hat Tiefe,
Weltmeer hat Riffe,
Gold hat sorgliches Schlangengezisch.

Bau dein Nest, weil der Frühling währet,
Lustig bau’s in die Welt hinein.
Hell der Himmel sich droben kläret,
Drunten duften die Blümelein –
Wagen gewinnet,
Schwäche zerrinnet:
Wage! dulde! die Welt ist dein.

Steh nicht horchend was Narren sprechen;
Jedem blüht aus der Brust sein Stern.
Schicksal webt sich an stygischen Bächen,
Feigen webt es sich schrecklich fern:
Steige hinnieder!
Fasse die Hyder!
Starken folget das Starke gern.

Wechselnd geht unter Leid und Freuden
Nicht mitfühlend der schnelle Tag;
Jeder suche zum Kranz bescheiden,
Was von Blumen er finden mag;
Jugend verblühet,
Liebe verglühet:
Lebe! halte! doch lauf nicht nach.

Ernst Moritz Arndt

 

 

 

 

Hymnus an das Leben

Du, brausend aus ewig schwangerer Nacht
Und ewig zeugendem Lichte,
Aus feuchtem Brodem und Glut entfacht,
Verwegenstes der Gedichte:
Geträumt von Gott, dem ursprünglichen Geist,
Dem Grund des Abgrunds entquollen,
Du, das da schäumt und zittert und kreist –

Wie rollen

Geheimnisvoll die Rhythmen des Alls
Durch deine dämonischen Fluten,
Im Wirbel der Wollust, im Schrei des Metalls,
In gewitterflammenden Ruten!
Im adlerschwebenden Gletschersang
Der unbesieglichen Seelen,
Im schattendämmernden Untergang –

In Höhlen

Der schwelenden Wut und des heimlichen Leids,
Im Feuer der stolzen Empörung,
In blühender Rosen berückendem Reiz,
In seliger Sehnsucht Erhörung.
In lachender Laune weltheiterem Laut,
In Genien, der Urkraft ergeben,
Was da atmet und schwingt, was da leuchtet und taut:

Du Leben!

Karl Friedrich Henckell

 

 

 

 

 

Spiel des Lebens

 

Zwischen Hassen, zwischen Lieben
Seltsam hin und her getrieben, –
Heute voll von Zärtlichkeiten,
Morgen schwertbereit zum Streiten, –
Diesen Händedruck empfangen,
Jenem aus dem Weg gegangen, –
Jetzt Hans Dampf in allen Gassen,
Später gott- und weltverlassen, –
In der Frühe flammentrunken,
Abends kraftlos hingesunken, –
Und so zwischen Himmel, Hölle,
Auf und ab an Rad und Welle,
Ist mein Leben angeschirrt, –

Wehe, wie es enden wird!

Ludwig Jacobowski

 

 

 

 

 

 

Lebenslauf

Größers wolltest auch du, aber die Liebe zwingt
All uns nieder, das Leid beuget gewaltiger,
Doch es kehret umsonst nicht
Unser Bogen, woher er kommt.

Aufwärts oder hinab! herrschet in heilger Nacht,
Wo die stumme Natur werdende Tage sinnt,
Herrscht im schiefesten Orkus
Nicht ein Grades, ein Recht noch auch?

Dies erfuhr ich. Denn nie, sterblichen Meistern gleich,
Habt ihr Himmlischen, ihr Alleserhaltenden,
Daß ich wüßte, mit Vorsicht
Mich des ebenen Pfads geführt.

Alles prüfe der Mensch, sagen die Himmlischen,
Daß er, kräftig genährt, danken für Alles lern,
Und verstehe die Freiheit,
Aufzubrechen, wohin er will.

Johann Christian Friedrich Hölderlin

 

 

 

 

Umsonst

O Fluch der menschlichen Natur!
Das Unerreichte lockt und winkt,
Und das Errungene versinkt
Im Meer des Alltags ohne Spur.

Bald hemmt den kurzen Siegeslauf
Ein Berg, der unersteigbar deucht,
Und hast du schwer das Ziel erkeucht,
So ragt ein höh’rer vor dir auf.

Nur kurze Rast ist dir erlaubt;
Du achtest nicht Gefahr und Weh,
Bis kühl bedeckt ein ew’ger Schnee
Den Gipfel und dein eignes Haupt.

Dich quält der Frost; die Nacht beginnt;
Verschwendet hast du all dein Leid,
Da nun die Blumen abgrundweit,
Die Sterne dir nicht näher sind.

Ludwig Anton Salomon Fulda


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